Jonas Marx Gedankenbuch
Jonas Marx Gedankenbuch
10/12/17
Aktivismus:

Wie schwer das Handeln ist, wenn man die Spielregeln der Gesellschaft einhalten zu müssen meint. Dort gibt es extra eine Bezeichnung, der nach man das Handeln genau zum Thema hätte: Man ist dann Aktivist.

Zu handeln heißt, als die Person sichtbar zu werden, die man ist. Zu erscheinen, unabhängig von der Rolle, die man in der Gesellschaft einnimmt. Sich ehrlich zu machen.

Wenn man erst eine Rolle haben muss, um Handeln zu können, dann handelt niemand mehr.

30/11/17
Liebe:

Unser Schatz gehört uns, wenn wir ihn gemeinsam tragen.

26/11/17
Stiften:

Um den Anfang wissen, aus dem Bleibendes erwachsen kann.

26/11/17
Das Gute:

Wozu wir Ja sagen wollen.

26/11/17
Schönheit:

Etwas Gutes stiften.

24/11/17
Offener Brief:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe ihre Partei nicht gewählt. Ich habe Ihnen nicht glauben können, dass ‚Gerechtigkeit‘ Ihr Thema sein soll, wenn sie keine echte Debatte über eine Revision der Hartz IV Reformen führen.

Trotzdem schreibe ich Ihnen jetzt mit einer klaren Bitte: Sie haben sich so oft in ihrer Parteigeschichte für patriotische Verantwortung in die Pflicht nehmen lassen – für Deutschland. Ich bitte sie, tun sie es wieder, aber diesmal – für Europa. Gehen sie in eine Große Koalition, aber nutzen sie ihren Verhandlungsvorteil, den sie nun hätten, um sich in einem Punkt gegenüber der CDU ganz klar durchzusetzen: Dass die neue deutsche Regierung die ausgestreckte Hand des französischen Präsidenten entgegen nimmt und das Austeritätsdikat beendet. Jetzt, da Herr Schäuble endlich nicht mehr Finanzminister wird. Setzen sie sich ein für eine demokratisch legitimierte Kontrolle der Eurogruppe und – natürlich – für eine Vergemeinschaftung der von den Eurozonenstaaten gemeinsam erwirtschafteten Schulden. Ich bin mir sicher, dass auch sie wissen, was auf dem Spiel steht: Wenn Frankreich keine Veränderung der Europolitik gegenüber der deutschen Regierung durchsetzen kann, werden bei der nächsten Wahl dort die Nationalisten siegen – und das könnte dann der endgültige Todesstoss für die EU sein.

Ich interpretiere ihr bisheriges klares Nein zu einer Regierungsbeteiligung als den Versuch, eine innerparteiliche Debatte führen zu können, wie sie wieder ernsthaft für Gerechtigkeit einstehen können. Nun, hier könnten sie es mit einem Schlag beweisen und in der Tat für mehr Gerechtigkeit in Europa sorgen.

Mit freundlichen Grüßen,

Jonas Marx

[Heute an den Vorstand der SPD geschickt]

23/11/17
Wachstum:

Jedes Kind will wachsen. Mit einer Leidenschaft und Kraft, die das Leben selbst ist. Wachstum heißt Erneuerung, Heilung. Wachsen tun wir jeden Tag. Wenn wir nicht mehr wachsen wollen oder können, das ist der Zustand, den wir als Krankheit bezeichnen.

Deswegen verstehe ich nie, warum so viele Menschen den Kapitalismus am Begriff des Wachstums kritisieren. Gerade um Wachstum geht es doch im Kapitalismus gar nicht, es geht um Überfluss.

Am Überfluss ersticken wir. Der Überfluss verhindert echtes Wachstum.

23/11/17
Mittelschicht:

Der Kuchen wird nicht gerecht verteilt, aber so groß gemacht, dass die Mehrheit sich auch mit den Krümeln zufrieden gibt.

Deswegen der permanente Stress: Der Kuchen muss größer werden.

23/11/17
Bourgeoisie:

Macht als Mittel zum Zweck, den eigenen Reichtum zu sichern.

23/11/17
Feudalismus:

Reichtum als Mittel zum Zweck, die eigene Macht zu legitimieren.

23/11/17
Versailles:

Es ist oft beschrieben worden, dass der Hof unter Louis XIV das Role-Model abgibt für das, was im Jahrhundert nach der Revolution ‚die Gesellschaft‘ wurde. Entmachteter Adel, der im goldenen Käfig von Versailles die politischen Geschäfte dem absoluten Herrscher überlässt, „who knew so well how to reduce French nobility to political insignificance by the simple means of gathering them at Versailles, transforming them into courtiers, and making them entertain one another through the intrigues, cabals, and endless gossip which this perpetual party inevitably engendered.“ (Arendt)

Die Romane von Balzac zeichnen nach, wie dann im 19. Jahrhundert diese Hofgesellschaft sich vermischt mit der neu aufsteigenden Krämersschicht, die als ‚Bourgousie‘ den Salon betritt. Es entsteht die Tyrannei der sogenannten ‚öffentlichen Meinung‘, deren Wesen darin liegt, dass sie nicht mehr mit politischen Differenzen umgehen kann. Um Politik – im Sinne von: die Form für das große Ganze finden & bewahren – ist hier niemand mehr bemüht. Und im 20. Jahrhundert schließlich wird das Modell dieser Gesellschaft auf die ganze Nation übertragen: Die ‚Mittelschicht‘ entsteht.

Um es ganz krass zu sagen: Es gab zwar eine Revolution, aber die hat im Ergebnis nicht dazu geführt, das nutzlos gewordene Party-Gesindel vom Hof zu jagen. Sondern umgekehrt: Inzwischen wollen wir alle einfach nur mitmachen bei der Party im Spiegelsaal von Versailles.

08/11/17
Volonté Générale:

Das Prinzip, uns selbst in Form einer Fremdherrschaft zu regieren.

08/11/17
Republik:

Die öffentliche Sache. Im Lateinischen. In unserer Sprache empfinde ich als noch präziser: Der gemeinsame Raum.

Die Republik ist das, was jede und jeden betrifft, weil wir alle – in allen Verschiedenheiten unserer Wesen und Interessen – darin voreinander erscheinen können.

08/11/17
Verfassung:

Was unser Sein sichert.

08/11/17
Wählerwille:

Ein absurder Begriff.

Unsere Demokratie (bzw. das, was wir so nennen) fusst auf der Annahme, dass Handeln nur in ‚Einigkeit‘ möglich sei. Individuell wie als Kollektiv. Das ist bereits im Begriff von dem Volk angelegt, wird aber wirklich grotesk, wenn man von „dem Wählerwillen“ spricht. Nicht nur Politiker, auch Wissenschaftler sagen solche Sachen ohne Skrupel. Rousseau lässt grüßen.

Diese Unfähigkeit, Handeln in Pluralität sich auch nur vorstellen zu können, liegt in der Verwechslung von Handeln mit Herstellen. Beim Herstellen gibt es in der Tat so etwas wie einen Willen und in der Tat brauche ich Einigkeit, wie das Herzustellende aussehen soll. Wenn vier Menschen jeder ein Tischbein nach eigenen Vorstellungen machen, wird der fertige Tisch schief stehen. Da braucht es Einigkeit – ob die hierarchisch oder konsensual hergestellt wird, ist dabei noch mal eine andere Frage.

In der Politik aber geht es nicht um Herstellen, sondern um Handeln. Und Handeln braucht nicht nur keine Einigkeit, es wird erst möglich in Pluralität. Nur weil wir verschieden sind, können wir in Verbindung gehen. Echte Demokratie hieße, nicht einen fiktiven kollektiven Willen zu konstruieren, den dann die allergrößte Mehrheit nur ganz logisch als Fremdherrschaft empfindet, sondern einen Raum zu schaffen, in dem die jeweiligen Seinsweisen jedes Menschen – also das, was im Handeln erscheint – zu ihrem Recht kommen.

Allerdings: Dieser Raum – d.h. das Recht, d.h. die Republik mit ihrer Verfassung – das wäre wirklich etwas Hergestelltes. Ein Raum, der so hergestellt ist, das Handeln möglich ist.

05/11/17
Willensfreiheit:

Contradictio in adiecto. Freiheit heißt, handeln zu können. Wille heißt, etwas zu wollen, was ich eben nicht kann.

04/11/17
Negative Freiheit:

Ist die Voraussetzung für positive Freiheit.

Aber: Eine Verfassung, die den einzelnen Bürgern vornehmlich die negativen Freiheitsrechte sichert und die tatsächlichen politischen Prozesse „dem Staat“ (mit seinem Parteiensystem) überlässt, hat immer noch den Obrigkeitsstaat im Sinn, vor dessen autokratischen Übergriffen die negativen Freiheitsrechte doch eigentlich schützen sollen. Wenn also nur die negativen Freiheitsrechte garantiert sind und es keine sinnvolle Struktur für die positive Freiheit gibt, bleibt auch die negative Freiheit permanent in Gefahr.

28/10/17
Autorität:

Mich macht echt traurig, was gerade in Katalonien passiert. Denn ich glaube gerade nicht, dass es sich dabei nur um eine „innerspanische Angelegenheit“ handelt: Es ist – mal wieder – ein Bespiel dafür, wie wenig wir verstehen, miteinander gut umzugehen.

Denn natürlich haben auch zu diesem Konflikt alle Beteiligten beigetragen. Aber wie in jedem anderen Konflikt zwischen ungleichen Parteien so gilt auch in diesem, was wir unseren Kindern schon im Kindergarten beibringen: Der Stärkere gibt nach.

Das wäre im positivsten Sinne Autorität. Aber auch in diesem Konflikt verweigern diejenigen, die die Autorität beanspruchen, die eigentliche Autorität: Frieden zu stiften.

28/10/17
Familie:

Natürlich geht die Bindung zur eigenen Ursprungsfamilie tief. Aber darin liegt keine ontologische Konstante. Es liegt einfach in der Tatsache begründet, das es (meistens) unsere Familie ist, die uns den Schutz gibt, bevor wir selbst in der Lage sind, in die Welt zu gehen. Und in dieser Zeit, sind sie es, die die Welt für uns sind. Egal, wie gut sie es machen, sie sind es einfach.

Wenn wir dann als Erwachsene unseren eigenen Weg in die Welt genommen haben, dann ist es offen, was aus dieser ursprünglichen Konstellation wird. Alles ist möglich.

Nicht offen ist es natürlich dann, wenn die Familie ein Strukturelement der politischen Organisation der Welt ist. Sei es in archaischen Kulturen mit ihren Familienclans, sei es in den daraus hervorgegangenen Aristokratien. Oder sei es heute, wo der politische Raum als eine Funktionärsbürokratie organisiert ist, so dass die Familie als Komplementärinstitution vorgesehen ist, unsere Emotionen, die eigentlich im öffentlichen Raum ihre Heimat haben und ohne die wir schwerlich uns selbst als Menschen wahrnehmen können, aufzufangen und umso mächtiger über sie zu walten.

28/10/17
Rituale:

In die Welt zu gehen ist immer ein Sprung ins Unbekannte. Deswegen gibt es keine Regeln, wie man Erwachsen wird. Deswegen braucht es Rituale.

Jeder Mensch muss selbst und von innen lernen, wie es sich in der Welt zurecht kommen lässt und was das überhaupt ist, die Welt. Es gibt kein Modell dafür, auch wenn mit den Eltern immer ein scheinbar leicht zu habendes zur Verfügung steht. Aber die Welt wäre nicht die Welt, wenn sie nicht immer wieder von neuen Menschen bewohnt wäre, die neu verstehen – und das heißt im Wortsinne: aus sich selbst heraus –, was die Welt ist.

Dieser Sprung ins Unbekannte braucht Rituale. Rituale sind die bewusst gemachte Verabschiedung vom Bekannten. Und wenn ich das Alte loslassen kann – ohne es steuern zu können oder zu müssen, bereitet mich das auf das Neue und Unbekannte vor.

Eine Welt, die kaum noch Rituale kennt, kann kaum von Erwachsenen bewohnt werden.

26/10/17
Revolution:

Die politische Form des Wunders.

26/10/17
Wunder:

Die Erscheinungsform des Neuen. Von dem, was am Anfang ist.

26/10/17
Geschichte:

Wiederholt sich nicht. Jede Katastrophe ist und bleibt etwas Singuläres. Gerade in der Verlorenheit liegt das Katastrophale der Katastrophe.

Andersherum wird ein Schuh draus: Jeder echte Anfang holt das Alte zurück. Jeder Neuanfang ist eine Rückbesinnung auf das Allererste.

26/10/17
Depression:

Ein Riss im Kontinuum des Seins.

26/10/17
Freiheit:

Das Kontinuum des Seins. Alles fließt, aber in der Weise, dass jede Richtung in sich selbst geborgen ist. ‚Muschel‘ nennt Bachelard diesen Zustand und in der Umgangssprache sagen wir, etwas sei eine ‚runde Sache‘.

Wenn diese ‚runde Sache‘ die Welt selbst ist, d.h. wenn wir Menschen uns in der Welt so einrichten, dass wir unser Sein in der Welt und das Sein selbst als Kontinuum erfahren, das ist Freiheit.

22/10/17
Glück & Unglück:

In jedem Gefühl liegt ein Glück: Dass ich erleben kann, was hier zu mir kommt.

In Jedem Gefühl liegt ein Unglück: Was hier zu mir kommt wird für immer unerkannt bleiben.

02/10/17
Wahrheit:

Wenn Träume wahr werden, sind sie keine Träume mehr.

Und damit verliert sich gerade ihre Wahrheit. Denn manches Wissen erscheint nur in der Unverborgenheit, wie der Traum sie bringt.

02/10/17
Katalonien:

Der Nationalismus, d.i. die Verwechslung von Selbstbestimmung mit Souveränität, hat auch zwei Jahrhunderte nach seinem Aufkommen noch nichts von seiner toxischen Dynamik verloren. Gegeneinander verkeilt rennen die verschiedenen Gruppen gemeinsam gegen die Wand.

Die EU war begründet worden, die Katastrophen zu überwinden, in den diese Dynamik den Kontinent mehrfach geführt hat. Und darin liegt für mich die eigentliche Tragik der aktuellen Situation: Wenn der Sprecher der Kommission bloß sagt, es handle sich um eine „innerspanische Angelegenheit“, dann zeigt das: Die EU ist noch nicht mal um die Autorität bemüht, der nationalen Konfrontationslogik etwas entgegenzusetzen.

Diese Autorität wäre eine Selbstverständlichkeit, wenn die EU wirklich eine föderative Struktur hätte, in der beide Gruppen einen größeren, Sicherheit gebenden Rahmen fänden. Aber die europäischen Verträge sind zwischen den europäischen Staaten (in ihrer aktuellen Form) geschlossen. Eine eigene Verfassung als staatliche Struktur der verschiedenen europäischen Bürger hat die EU nicht.

23/09/17
Erbe:

Morsch sind die Erinnerungen. Morsch ist das Gebälk, das uns trägt. Wir sind angezogen vom weichen Saum des Holzes.

Wohlig träumen wir von dem, was niemals war. Im Herz klingt eine leise Melodie. Sie folgt dem Faden, den ein dorniges Gewächs durch das Gebälk zu ziehen scheint. Da ist Licht, oder?

Morsch ist der Traum von einer Einheit, die hier im Dunkel als ihr Gegenteil erscheint.

17/09/17
Stimme:

Unsere Häuser sind am Ufer des Flusses gebaut: Die Wahrheit ist ein Strom in dunklem Schwarz.

Der Ruf der Eule ertönt in unsrer Brust. Der Nebel glänzt im Morgenlicht.

11/09/17
Demut:

Die Tiefe der Einsicht, wie wenig ich alleine erreichen kann, lässt mich mit der Welt verbunden sein. Diese Tiefe ist der Schlüssel zu Macht.

05/09/17
Documenta:

Man muss sich immer wieder klar machen, was es heißt, dass die Documenta in den 50er Jahren als Teil von ‚Reeducation‘ gegründet wurde. Man wollte die Deutschen, die gerade noch Hitler zugejubelt hatten, zur modernen Kunst erziehen.

Es ist wirklich tragisch, was mit einer Avantgarde passiert, die all ihre Ziele erreicht: Früher wurde dem Publikum eine Kunst vorgeführt, die es nicht verstand. Heute pilgert es in Massen zu einer Kunst, die sich selbst nicht mehr versteht.

12/08/17
Heilung:

Kommt mit dem Verstehen. Es ist, als würde frische Luft in das Gewölbe gelassen. In uns kann es sich weiten, sortieren, erneuern.

Alles ist versorgt in unserer Tiefenstruktur. Diese Struktur zu verstehen – zu verstehen, was es heißt, sie Gewölbe zu nennen – das ist Heilung.

12/08/17
Verbannung:

Der Tod verbannt einen von uns von uns. Und wir sind verbannt von dem Toten: Sein inneres Reich ist endgültig verschlossen und wir können nur hoffen, dass es wieder aufgeht in dem ewigen Reich, von dem wir annehmen, dass es unser aller Herkunft ist.

Im Herzen bleiben wir verbunden. Das Herz durchzieht es wie ein Strahl: Verbannung.

12/08/17
Tod:

Jedes Wort ist in seiner weltlichen Bedeutung begründet. Worte deuten auf Dinge, die zwischen uns Menschen existieren und noch die abstraktesten Begriffe tragen diesen Ursprung in sich.

Für den Tod gibt es keine Worte. Was das ist, wenn einer den Raum zwischen uns verlässt, dafür haben wir keine Worte. Das liegt nicht mehr in dem Bereich, in dem wir Lebenden uns die Dinge be-deuten können.

01/08/17
Freiheit:

Mehr zu sein, als die Summe dessen, was man kann.

01/08/17
Prinzip:

Jedem Handeln liegt ein Prinzip zugrunde. Das Prinzip ist die Logik der Struktur, in dem Sinne, dass es die Art und Weise ist, wie wir uns in einer Struktur bewegen. Und das heißt eben, wie wir handeln.

01/08/17
Struktur:

Worin wir zu Hause sind. Ohne Struktur könnten wir kaum handeln – so wie derjenige, der sein zu Hause verliert, plötzlich für die alltäglichsten Dinge unendlich viel Kraft braucht.

01/08/17
Wissen:

Das Spüren der Struktur. Nur was wir wirklich in und zwischen uns spüren können, wissen wir auch wirklich.

Umgekehrt gilt: Was wir nicht spüren können, wissen wir eben nicht. Das Wissen wird dann zu Hypothesen und das Spüren zu Gefühl. Dem Gefühl fehlt die Struktur. Es ist weltlos, denn es weiß im Wortsinne nichts von der Welt.

23/07/17
Menschenrechte:

Die Sehnsucht nach universellen Maßstäben ist ein Ausdruck von Haltlosigkeit. Die französischen Revolutionäre konnten keine eigene stabile Verfassung formulieren, um die alte monarchische Ordnung abzulösen – also schrieben sie eine für die gesamte Menschheit. Schon ein Zeitgenosse wie Edmund Burke brachte das Problem daran auf den Punkt: Er habe keine universellen Rechte, aber „die Rechte eines Engländers“.

Das ist kein theoretisches Problem, wenn man sieht, wie bereits Napoleon eine Dekade später den Erfolg seiner militärischen Eroberungen auch aus der Emphase zog, er brächte den besetzten Völkern ja diese neuen, universellen Rechte und führe daher legitime Angriffskriege. Das erinnert sehr an die heutige Interventionspolitik der NATO-Staaten.

Nicht nur verkennt das Konzept der Menschenrechte, dass Rechte nur als Teil eines konkreten staatlichen Gebildes existieren können – gerade in ihrem Namen werden ganze Völker in die Staatenlosigkeit gebombt.

15/07/17
Star Wars:

Hollywood als Bilderfabrik der amerikanischen Psyche… Da ist das Imperium, dessen ‚Stormtroopers‘ wirklich unglaublich genau nach dem Bild gezeichnet sind, das wir weltweit von amerikanischen GI’s kennen. Das Publikum zu Hause aber identifiziert sich mit den Rebellen. Als würde George Washington noch immer den Unabhängigkeitskrieg gegen das British Empire kämpfen.

15/07/17
Imperium:

Natürlich sind die USA das Imperium unserer Zeit. Trotzdem sperrt sich etwas in mir, sie einfach in eine Reihe mit all den Imperien vom Römischen Reich bis zum British Empire zu stellen. Einmal, weil die USA innenpolitisch für demokratische Prinzipien stehen, die gerade nicht imperialer Natur sind, d.h. nicht auf Herrschaft als Dominanz gründen. (In Europa verstehen wir das oft gar nicht, weil uns diese Prinzipien so fremd sind.)

Dann, und wahrscheinlich auch gerade wegen dieser internen Struktur, weil die USA auch nach Aussen nicht wirklich ein Imperium der „alten“ Art sind. Denn imperiale Interessen hat immer nur eine kleine Machtelite. Ein Staat, dessen Regierung sich demokratisch legitimieren muss, muss diese Interessen indirekt verfolgen, kann sie quasi nur „über Bande“ ausüben: Die Techniken imperialer Politik werden auf einen bedrohlichen Gegner projiziert, um selbst angewandt werden zu können. Man denke nur an die McCarthy-Zeit mit ihrer wahnhaften Kommunistenangst…

Seitdem Russland trotz aller Versuche einfach kein bedrohliches Imperium mehr abgibt, wird China in diese Rolle gepusht. So lange China völlig offensichtlich nicht bedrohlich ist, wird behelfsmäßig der Terrorismus zur weltweiten Gefahr aufgebaut. Und weil der Terrorismus zwar quasi-imperial in seiner expansiven Gewalt ist, ihm aber jede ordnungsstiftende Struktur abgeht (der ‚Islamische Staat‘ ist eben kein Staat, sondern eine Bande) erleben wir die Welt zur Zeit als „Chaos“.

Nach Innen haben die USA eine genuin eigene Struktur, nach Aussen haben sie gar keine. Nach innen, regieren sie sich (immer noch) demokratisch, nach Aussen regieren sie immer nur im Abbild des Gegners, den sie sich gerade schaffen können.

12/07/17
Öffentliches Glück:

Bei den amerikanischen Gründervätern ist oft von ‚Public Happiness‘ die Rede… Dass es dieses Wort überhaupt gibt, weckt immer wieder eine unglaubliche Lust in mir. Das Heraustreten in die Öffentlichkeit, für andere als Person sichtbar zu werden – d.h. als Gleicher unter Gleichen sichtbar zu werden – und als Teil dieser Gruppe der Gleichen die eigenen Geschicke zu lenken, darin liegt alle Macht und diese Macht ist ein Glück im ursprünglichsten Sinn des Wortes.

Die Möglichkeit, dieses Glück erfahren zu können, sollte eigentlich ein Grundrecht sein. In jedem Fall aber kann keine Regierung, in deren Handeln nicht diese Erfahrung im Zentrum steht, behaupten, wirklich demokratisch zu sein.

12/07/17
Tradition:

Die Struktur unseres Zusammenlebens. Die Tradition sagt uns, wer wir sind, indem sie uns sagt, was zu tun ist, um sie weiter zu tragen. Struktur-Haben und Wissen-Wer-Man-Ist – im Kern meint beides das Gleiche und dieser Kern, das ist Tradition.

Diese Tradition des Wortes Tradition ist uns abhanden gekommen. Wie wieder Struktur finden? Wie erkennen, welche Struktur wir jetzt tatsächlich haben?

12/07/17
Utilitarismus:

Glück ist die Obsession unserer Zeit – in dem Maße, wie wir uns selbst nicht kennen.

Wir (er)kennen unsere Struktur nicht. Wir verstehen die Welt als einen gigantischen Apparat von Zweck-Mittel-Relationen, d.h. wir sind im Tun gefangen, ohne absehen zu können, wofür wir etwas tun. Und so wird Glück zum ultimativen Versprechen, dass am Ende all dieser Zweck-Mittel-Ketten doch mal was rauskommen müsse, was dann nicht selbst auch nur wieder ein Mittel für den nächsten Zweck sei.

10/07/17
Glück:

Liegt im Sein selbst. Es ist unser Wort dafür, den Sinn des Seins spüren zu können.

Und Sinn ist eben kein Zweck, im Gegenteil, Sinn tritt in den Hintergrund, je mehr eine Sache als Zweck aufgefasst wird. Es gibt keinen besseren Weg vom Glück weg, als es zum Ziel des Handelns zu machen.

10/07/17
G20:

Ist das jetzt das mediale Sommerloch, dass auf allen Kanälen so über die Gewalt gesprochen wird, die ein paar Demonstranten & die Polizei in Hamburg abgefeiert haben?

Klar, gerade in ihrer Sprachlosigkeit ist Gewalt unglaublich schrill, aber es sollte doch zum Ethos jedes guten Journalisten gehören, dem nicht einfach auf den Leim zu gehen. Denn wenn sich die wichtigsten Politiker der Welt treffen, um weitestgehend hinter verschlossenen Türen miteinander zu sprechen, von wo geht dann eigentlich die Sprachlosigkeit aus?

06/07/17
Schein:

Dass Meinung bloß Schein sei, hat ihr bereits Platon vorgeworfen. Meine Meinung ist: Wenn nichts auf der Welt scheinen würde, wäre es hier ziemlich dunkel.

29/06/17
Meinung:

An der Welt interessiert zu sein, heißt Meinung zu haben. Ohne Meinung zu einer Sache kein Engagement für eine Sache.

Wenn Faust seine berühmte Frage stellt, was die Welt im Innersten zusammenhält – mir scheint die Antwort klar: Dass wir Meinung haben.

29/06/17
Hitze:

Meinung zu haben steht ja irgendwie ziemlich im Misskredit. Viele Menschen scheinen die Pluralität, die mit Meinung einhergeht, die Hitze, die im Aufeinanderprallen verschiedener Meinungen entsteht, als Zumutung oder gar Bedrohung zu empfinden.

Das Tragische an dem Versuch, andere Meinung als „Fake“ zu deklassieren, ist, dass dann alles zum Fake wird. Die tatsächlichen Fakten werden stumm und ungreifbar, wenn wir nicht damit umgehen können, dass man immer verschiedene Meinungen zu den Fakten haben kann. Die Welt erkaltet.

29/06/17
Blase:

Natürlich stimmt es, dass uns in der Massengesellschaft mit ihrem Zwang zum Konformismus der öffentliche Raum abhanden gekommen ist. Dass es kaum noch feste Orte gibt, wie es die Agora in der Polis einmal gewesen sein mag, in denen die Freiheit des offenen Wortes eine sichere Tatsache ist.

Aber trotzdem bleiben wir Menschen ja sprachbegabte Wesen und jeden Moment können wir wieder damit anfangen, offen miteinander zu sprechen: Das Verschiedene zu benennen, so dass Öffentlicher Raum wie von alleine entsteht. Dazu müssen wir noch nicht mal unbedingt unsere „Filterbubble“ verlassen. Denn die Wahrheit ist doch, dass auch die Menschen, die uns den gesellschaftlichen Codes nach so ähnlich scheinen, oft ganz schön verschieden von uns sind.

29/06/17
Öffentlicher Raum:

Wann immer Menschen wirklich in ihren eigenen Worten sprechen, entsteht öffentlicher Raum.

Die Worte werden zu Tatsachen (zu den Sachen einer Tat). Die Worte erscheinen als Tatsachen zwischen den Menschen. Als Trennendes sichern sie das Eigen-Sein jedes Menschen, als Verbindendes erschaffen sie den gemeinsamen, den öffentlichen Raum.

29/06/17
Öffentliche Meinung:

Sollte eigentlich gesellschaftliche Meinung heißen. Denn genau das, was Öffentlichkeit ausmacht, wird hier ja negiert: Dass sich Meinungen immer unterscheiden.

Die gesellschaftliche Meinung ist wie der Code des Salons: Was „man“ macht und was nicht, was „man“ sagt und was nicht. Als einzelner kann man zwar „gegen“ die gesellschaftliche Meinung sein, aber eine eigene Meinung hat man deswegen noch nicht artikuliert. Selbst wenn man sich damit in der Mehrheit befindet, so lange man nur „dagegen“ ist, ist die Herrschaft der gesellschaftlichen Meinung nicht gefährdet.

10/06/17
Partei:

Ergreifen wir für Sachen. Von Dreyfuss über Westanbindung bis Eurobonds… Die Parteinahme kommt dann mit der Sache und so wie die Sache mit dem Voranschreiten der Ereignisse von ihrer Wichtigkeit verliert, verliert auch die Parteinahme ihre Wichtigkeit und bei einer anderen Sache kann sie wieder ganz anders gelagert sein.

Sobald Parteien feste Organisationsformen werden, d.h. die Parteinahme fixiert wird, wird Politik zu einer Form ohne Inhalt. Über die Form wird dann umso mehr gestritten, die eigentlichen Sachen sind kaum mehr greifbar.

10/06/17
Volkswillen:

Ich stelle mir vor, wie in 500 Jahren Historiker laut lachen werden, wenn sie unsere Verfassungen lesen und sehen werden, dass wir ernsthaft geglaubt haben, der Begriff „Volkswillen“ würde irgendetwas zur sinnvollen Strukturierung der Dinge beitragen.

Und über dem deutschen Grundgesetz wird’s dann nur noch Kopfschütteln: Hier muss der „Volkswille“ sogar erst noch gebildet werden… durch die Parteien.

Das Konzept des Willens ist an sich schon problematisch, aber den Willen einer kollektiven Gruppe gibt es schlicht und einfach nicht. Insofern ist es fast nur ehrlich, zu sagen, dass dieses Phantom erst irgendwie erzeugt werden muss. Aber wenn man ganz ehrlich ist, heißt das nur, dass damit bei uns die Propaganda schon in der Verfassung vorgesehen ist.

10/06/17
Bundespressekonferenz:

Handeln ist Sprechen und wenn ich mir das Sprechen unserer Regierung anhöre, dann muss ich sagen: Wir werden von Zombies regiert.

Wobei das nur zu der Frage führt: Wer sind wir, dass wir uns von Zombies regieren lassen?

09/06/17
Besitz:

Es gibt diese Idee, dass uns wirklich Dinge „gehören“ könnten. Dass die Dinge uns „hörig“ wären. Das ist natürlich absurd. Wir Menschen haben immer nur Anteil an den Dingen. Wir sind ein Teil der Welt und haben Anteil an den Dingen in der Welt.

Was wir Menschen wirklich besitzen, sind unsere Rechte. Rechte haben wir, da wir in der Welt sind. Sie sichern unseren Platz in der Welt, dass wir Anteil an den Dingen haben können.

Es ist ein Zeichen von Rechtlosigkeit, wenn so viel Aufmerksamkeit auf den Besitz von Dingen verschenkt wird.

09/06/17
Loslassen:

Das Urvertrauen, mit dem wir alle zur Welt kommen: Nur weil ich nicht aktiv an den Dingen ziehe, heißt nicht, dass sie dann nicht mehr da sind.

09/06/17
Gier:

Leeres Nehmen. Das heißt Nehmen ohne Greifen, das heißt Nehmen ohne Begreifen.

09/06/17
Sehnsucht:

Greifen ohne Nehmen.

09/06/17
Wille:

Jedes Wollen ist in sich offen. Auf jedes Nehmen folgt ein Loslassen. Wenn ich nicht loslassen kann und das Genommene zum Besitz erkläre, kann ich bald auch nichts mehr nehmen. Dann wird aus dem Wollen der Wille.

Arendt weißt darauf hin, dass es in der Antike keine Formulierung für „Ich will“ gab. Das kommt mit dem Christentum bei Augustinus in die Welt und steht dort für so viel wie „Ich kann nicht“. (Das Können wird übertragen auf den ‚Allmächtigen’.) Diese Negation, die der Wille immer in sich trägt, ist die Negation des Kreislaufs aus Nehmen und Loslassen.

09/06/17
Wollen:

Der Moment zwischen Greifen und Nehmen: Ich ergreife etwas, um es zu begreifen, und entscheide dann, ob ich es zu mir nehmen will oder nicht. Diese Entscheidung ist das Wollen.

Entscheiden heißt hier so viel wie: Selbstmächtig-Sein.

29/05/17
Wille:

„Was ist, darf sein und was sein darf, kann sich verändern.“ Meinte eine Freundin neulich zu mir. Der Wille hat das Gegenteil dieser Wahrheit zum Motto: ‚Weil es sich verändern muss, darf nicht sein, was ist.‘

29/05/17
Interesse:

Wird oft mit dem Willen gleichgesetzt. Interessen wären dann das, was man in der Welt „durchsetzen“ will. Arendt weist immer wieder auf den ganz anderen, lateinischen Ursprung des Wortes hin: „Inter esse“, Zwischen-sein.

Interessen sind das, was zwischen uns Menschen ist. Und für uns Menschen wertvoll und wichtig ist, weil es unsere Welt und damit unser Sein ausmacht. Interessen verbinden uns, all unsere verschiedenen Interessen formen unsere gemeinsame Welt.

29/05/17
Herrschaft:

Das Gegenteil von Macht. Herrschaft ist das Streben nach Einheit – dass Herrschendes und Beherrschtes identisch werden.

Der Pianist kennt diese Identität mit den Tasten seines Instruments. Hier gelingt das Herrschen durch Einfühlen: Finger und Tasten werden identisch, indem die Finger sich in die Mechanik der Tasten einfühlen.

In der Politik, d.h. zwischen uns Menschen, gibt es solche Einheit nicht. Hier bleibt die Einheit ein Ziel, das nie erreicht wird und so befinden sich Herrschende und Beherrschte immer im Konflikt. Identisch sind wir Menschen nur, wenn wir Tod sind.

29/05/17
Macht:

Gelingende Regierung: Handeln in Vielheit.

29/05/17
Regierung:

Eine Fähigkeit. Die Fähigkeit, Einigung zu finden. Einigung im Gegensatz zu Einheit. Einigung darauf, wie unsere gemeinsame Welt eingerichtet sein soll, so dass all unsere verschiedenen Interessen in Resonanz miteinander sein können.

Diese Fähigkeit gelingt uns als Gruppe in der selben Weise, wie sie jedem Einzelnen von uns in Bezug auf sich selbst gelingt.

Wenn Regierung misslingt, übernimmt Herrschaft das Feld.

29/05/17
Weltregierung:

Einstein hatte schon Recht, dass im Angesicht der Atombombe nur noch eine Weltregierung den Frieden sichern kann. Wie weit wir davon entfernt sind, liegt wohl gar nicht daran, dass wir kein Konzept von Regierung haben, in dem alle Interessen der Welt zusammenfinden könnten – wir haben ja kaum ein Konzept von Regierung, in dem überhaupt verschiedene Interessen zusammenfinden können.

29/05/17
Atombombe:

Vor einem guten Jahr hatte ich den Gedanken, dass die Atombombe uns davon abhält, die kriegerischen Konflikte der Gegenwart offen zu benennen. Inzwischen bin ich zu der Einsicht gekommen, dass es viel weiter geht: Die Atombombe ist die Ursache für die auf Dauer geschalteten kriegerischen Konflikte unserer Gegenwart. Es ist einfach kein Zufall, dass die Atombombe und der Militärisch-Industrielle-Komplex zur selben Zeit entstanden sind.

Mit der Atombombe kam ein Mittel in die Welt, das alle Zwecke obsolet macht. Die Anwendung dieses Mittels zerstört alles, worauf irgend ein Zweck zielen könnte. Das ist der tiefere Grund für diese Verdrehung von Mittel und Zweck, die den Militärisch-Industriellen-Komplex ausmacht. Der Krieg ist zum Selbstzweck geworden, er ist der Götzendienst, den wir der Atombombe leisten. Dieser Götzendienst ist tief verwoben in unser scheinbar ziviles Alltagsleben.

Und das ist echt krass: Es gibt jetzt wirklich nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder wir bleiben in diesem Zustand des weltweiten Dauerkonflikts, der auch immer die Gefahr in sich birgt, doch noch in die totale Zerstörung zu eskalieren. Oder wir schaffen es tatsächlich mit Kants ewigem Frieden, der jetzt gleichbedeutend wäre mit dem Moment, in dem wir als Weltgemeinschaft wieder Herr unserer selbst würden und die Bombe aus der Welt schafften.

21/05/17
Snowden:

Schlicht und ergreifend ein Held. Wenn ich überlege, womit er es aufgenommen hat: Alleine gegen das Regime der Welt für die Welt. Das ist eigentlich unglaublich. Wenn Denkmäler überhaupt noch Sinn machen, ihm gehörten viele gebaut.

21/05/17
PRISM:

Die NSA gibt einem ihrer Überwachungsprogramme einen Namen aus der Physik. Im Prisma bricht sich das Licht in seine Komponenten auf – alles wird sichtbar.

Diese Sehnsucht nach absoluter Kontrolle… in Wirklichkeit ist immer Chaos. Nicht nur finden sie die entscheidenden Informationen nicht, die zu finden sie als Legitimation für ihre Überwachung vorgeben. Auch kann ein einfacher Systemadministrator einfach mal alle Daten kopieren und an die Presse geben.

Deswegen ist die Figur Edward Snowden so wichtig: Es gibt keinen festen Zustand, in dem alles unabänderlich ist. Es sind immer Menschen und Menschen treffen Entscheidungen, jeden Tag. Jeder NSA-Mitarbeiter trifft eine Entscheidung, wenn er morgens zur Arbeit geht. Clapper traf eine Entscheidung, als er den Senat unter Eid über die Aktivitäten der NSA belog. Die Staatsanwälte trafen eine Entscheidung, wenn sie ihn deswegen nicht belangten. Und Snowden traf eine Entscheidung, als er die Informationen über PRISM an Greenwald gab.

21/05/17
NSA:

Snowden hat ja gesagt, ihn habe es positiv überrascht, wie viel Aufmerksamkeit seine Enthüllungen bekommen haben. Ich verstehe seine Perspektive, aber mir geht es eher umgekehrt: In den 80ern konnte eine einfache Volkszählung Massenproteste auslösen, heute findet die Masse es auch nicht weiter tragisch, wenn ihre gesamte Kommunikation gescannt wird. Wie eng unser Verhaltens- und Denkkorridor wird, wenn alles potenziell mitgelesen werden kann, die Mehrheit von uns spürt das gar nicht. Ich finde das fatal.

Snowden selbst bringt das beste Argument, was hier eigentlich auf dem Spiel steht: „Arguing that you don't care about the right to privacy because you have nothing to hide is no different than saying you don't care about free speech because you have nothing to say.“

20/05/17
Silicon Valley:

Das Internet ist eine militärische Erfindung. Und das Silicon Valley war schon vor HP, Apple, Google & Co ein Ort der großen Rüstungskonzerne. Und ist es geblieben. Die 5 großen Rüstungskonzerne, die man immer schon dem Militärisch-Industriellen-Komplex zurechnete, machen jetzt halt auch IT. Und die NSA und andere Dienste vergeben einen Großteil ihrer Überwachungsarbeit an private IT-Konzerne.

Ein Mathematiker meinte mal zu mir, eigentlich müsste es in der Informatikergemeinde heute eine Diskussion geben wie in den 50ern bei den Physikern über die Atombombe: Will man da wirklich mitmachen?

20/05/17
Apple:

Wie ähnlich sich Kapitalismus und Kommunismus sind. Ein Konzern kann mit einem einzigen, uniformen Produkt die größte Firma der Welt werden. Die meisten Menschen sind froh, wenn sie so sein können, wie alle anderen – so lange das Design stimmt. Der Kommunismus war einfach nur nicht gut designt.

20/05/17
Spracherkennung:

Die Idee, wir könnten mit Maschinen sprechen, ist ziemlich verrückt. Man sollte der Ehrlichkeit halber nicht von Spracherkennung bei Siri & Co sprechen, sondern von Kommandoerkennung. Geräte verstehen keine Sprache, sie brauchen klare Anweisungen für bekannte Handlungsmuster. Das kann dann noch so freundlich im Tonfall geschehen, dem Wesen nach ist das die Sprache der Kaserne.

Und: Es stellt sich die Frage, wer am Ende eigentlich wen kommandiert? Wenn wir unseren Maschinen permanent Kommandos geben und das dann für Sprache halten, wer ist dann eigentlich Herr im Haus?

14/05/17
Militärisch-Industrieller-Komplex:

„The potential for the disastrous rise of misplaced power“, vor dem uns Eisenhower 1961 warnte, erfüllt sich immer mehr. Krieg – und Überwachung – sind von Mitteln zu nie endenden Zwecken der Politik geworden.

Bis zum 2. Weltkrieg war Krieg ein grausames und oft abscheuliches Mittel für Zwecke, die aber mit Clausewitz’ Losung immer noch im Bereich des Politischen lagen, selbst also nicht gewalthafter Natur waren. Das hieß vor allen Dingen, die Produktion der Kriegsmittel war temporär. Eisenhower selbst bringt das Beispiel: „Makers of plowshares could, with time and as required, make swords as well“. Genau das ist es, was sich nach dem 2. Weltkrieg änderte. Seitdem gibt es eine permanente Produktion von Kriegsgütern, eben eine Industrie.

Und damit hat es sich gewissermaßen umgedreht: Nicht mehr machen die Hersteller von Pflugscharen ab und an auch Schwerter, die Hersteller von Schwertern machen jetzt auch die Pflugscharen. (Das Arpanet, der Vorläufer des Internet, war eine militärische Erfindung.) Genau das meint die Bezeichnung „Komplex“ in diesem Zusammenhang: Was ziviler Zweck ist, was militärischer, das verwischt immer mehr und wo und nach welcher Maßgabe die Zwecke definiert werden, wird immer unklarer.

14/05/17
Innovation:

Bei Moses Finley habe ich mal gelesen, dass es in den 1000 Jahren von Homer bis zur Spätantike trotz aller damaligen kulturellen und politischen Errungenschaften keine Veränderungen in den Techniken der Landwirtschaft gab. Warum auch? Das war einfach Arbeit, die musste halt gemacht werden. Die Idee, Arbeit durch Innovation „einfacher“ zu machen, ist etwas durch und durch modernes.

Und das ist natürlich einerseits eine feine Sache: Gerade die Alten wussten sehr gut, dass Arbeit einfach nur Mühsal bedeutet. (Deswegen zwangen sie ja die Sklaven, das zu erledigen.) Hätte man ihnen die Idee unterbreitet, dass man durch Technik Arbeit reduzieren kann, sie hätten das bestimmt recht charmant gefunden.

Aber andererseits ist das Problem mit solcher Innovation immer das gleiche: Bevor eine neue Technik in der Welt ist, kann es dafür gar keinen Bedarf geben – sonst wäre sie ja nicht neu. (Niemand hat Handys gewollt, bevor es sie gab.) D.h. man ist nie damit fertig, neue Techniken in die Welt zu bringen, denn man weiß ja nie, welchen neuen Bedarf man noch wecken könnte. Und so ist die Arbeit gar nicht weniger geworden.

14/05/17
Zweck & Mittel:

Alles, was wir nicht aus Muse tun, tun wir für einen Zweck. Jeder Zweck hat etwas Diktatorisches in sich: Die Mittel zur Erreichung des Zweckes sind aus dessen Sicht zwingend. Die Mittel ausführend sind wir dem Zweck Untertan – bis der Zweck erfüllt ist.

Wenn wir uns Zwecke setzen, die unerfüllbar sind und trotzdem nicht aufgegeben werden können, werden wir dauerhaft zu Untertanen. Für Muse ist dann keine Zeit mehr.

03/05/17
Spüren:

Die Vergegenwärtigung, ein Teil vom Ganzen zu sein. Nicht ein Teil, nicht das Ganze, ein Teil vom Ganzen.

02/05/17
Krieg:

Ist immer sinnlos. Kriege werden für Zwecke geführt. Ob diese legitim sind – d.h. eine gerechte Sache –, ist eine andere Frage. Aber jedes Kind, wenn es langsam versucht, sich die Prinzipien der Erwachsenenwelt anzueignen, stellt sich diese Frage: Wenn der Verteidigungskrieg legitim sein soll, dann muss es doch bereits einen Angreifer geben, dessen Zwecke nicht legitim sein können. Wie kann dann irgendein Krieg legitim sein?

Sinn liegt immer im Ganzen und dass auf's Ganze betrachtet kein Krieg je legitim sein kann, genau darum ist jeder Krieg sinnlos.

02/05/17
Sinn & Zweck:

Sinn ist in der Welt, Zweck ist in den Sachen. Sachen sind alles, was in der Welt erscheint und sie einrichtet. Zwecke verfolgen wir um einer Sache willen, damit diese in der Welt erscheinen und dort Sinn haben kann.

Das heißt, der Sinn der Sache entfaltet sich von deren Ende her, von dem, worauf der Zweck zielt. Wirklich „da“ ist der Sinn erst, wenn der Zweck zu Ende ist. Wir alle kennen es nur zu gut, wenn sich dieses Verhältnis verdreht, wenn wir Sinn darin suchen, einen Zweck zu verfolgen. Und wie unglücklich das macht…

02/05/17
Sinn:

Sinn ist das Sein selbst.

Wenn wir nicht so sein können, wie wir sind, distanzieren wir uns von unserem Sein. Dann können wir den Sinn nicht mehr spüren.

02/05/17
Kampf:

Jeder Kampf bringt Bitterkeit. Gegen die Bitterkeit kämpfen wir.

(Die Süße, die in der Bitterkeit liegt wie die Frucht in der Schale, wird zum Treibstoff für den Kampf.)

28/04/17
Stress:

Viel los ist immer. Tausend Dinge fort und fort. Doch „die Welt hebt an zu singen, triffst Du nur…“

Das Zauberwort zum Lied der Dinge: Treffen wir's, klingt das Viele ganz wunderbar polyphon. Treffen wir's nicht, wird's anstrengend.

Wer kennt das Zauberwort?

26/04/17
Gespenster:

Wie war das noch mal mit den Gespenstern und Europa…

Jetzt wird in Frankreich der Mann Präsident, der bei seinem letzten Besuch in Berlin (auf deutsch!) den Satz sagte: „Es muss ein Ruck durch Europa gehen.“ Diesen Mann bezeichnen sie als „Pro-Europäer“, der „Gott sei Dank“ anstelle des Mannes in die Stichwahl geht, der die europäischen Verträge neu verhandeln wollte – und demnach ein „Anti-Europäer“ sei.

Der Neoliberalismus ist wirklich ein Gespenst. Und seine kleine Schwester ist der Rechtspopulismus. Die beiden sind ein eingespieltes Team: Die kleine Schwester macht Radau, woraufhin alle in die Arme des großen Gespenstes laufen. Blind vor Schreck, wem sie sich da anvertrauen... Gemeinsam gehen die Gespenster um in Europa. Der Kontinent blutet aus.

18/04/17
Bezeugen:

Form wird nicht hergestellt. Form ist. Form wird nicht an etwas zuvor formloses appliziert, um es „auszudrücken“. Form wird sichtbar, wenn das Gefühl, dem die Form innewohnt, bezeugt wird.

Bezeugen ist etwas sehr aktives: Gegenwart schenken.

18/04/17
Contact Improvisation:

An wenigen Orten habe ich deutlicher erfahren können, dass der Sinn des Seins seinen Ursprung im Gemeinsinn hat.

Einfach eine Fläche, ein Boden, auf dem sich eine Gruppe von Menschen versammelt, um gemeinsam zu sein. Alles kommt mit der Berührung: Die Zellen werden leicht und durchlässig, Teil einer größeren, beweglichen Struktur. Die Struktur kommt mit der Berührung, die Verantwortung liegt im Spüren. Ich trage andere, wie ich mich selbst trage. Ich werde getragen, wie ich mich selbst trage.

Gemeinsam trägt der Boden uns alle. Aus der Tiefe des Bodens kommt eine Kraft, die uns fliegen lässt. Wenn ich am Boden zur Ruhe komme, spüre ich die brodelnde Lava unter uns.

15/04/17
3. Weltkrieg:

Wir sind im Krieg. Niemand anderes als der Papst sagt das. Er nennt es bereits den „3. Weltkrieg“.

Das Perfide an diesem Krieg ist, er ist nicht ausgesprochen, niemand hat ihn erklärt, niemand benennt die Fronten. Die Propaganda dieses Krieges besteht gerade darin, ihn als Frieden zu verkaufen – und weit weg, da gibt es halt ein paar vereinzelte Konflikte.

15/04/17
Propaganda:

Wir sind im Krieg. Das muss man sich ganz deutlich klar machen, um zu verstehen, was passiert. Wie es sein kann, dass in der medialen Öffentlichkeit die Dinge immer verdrehter erscheinen.

Wir sind im Krieg. In jedem Krieg stirbt die Wahrheit zu erst. Die Propaganda regiert.

15/04/17
Vulgarität:

Ich Frage mich echt, wie wir das jetzt noch weitere 4 Jahre durchhalten sollen: dieses Affentheater, das Trump und das Establishment zusammen aufführen. Das Establishment (d.h. auch der Großteil der Medien) wirft ihm genau das vor, was es selbst tut: Selektiver Umgang mit Fakten, brutale Ignoranz von anderen Meinungen, etc. Der einzige Unterschied ist, Trump tut es offen. Er ist vulgär. Jene, die sich am meisten darüber aufregen, werden von seiner Vulgarität an der eigenen blinden Stelle getroffen.

Und das ist das wirklich Toxische an der ganzen Sache: Jene, die sagen, Trump bringt uns in den 3. Weltkrieg, haben genau in dem Masse recht, wie sie selbst Anteil daran haben.

14/04/17
Zeitreisen:

Alles ist Struktur. In der Zeit können wir uns bewegen mit dem Wissen, dass Raum und Zeit das selbe sind. Teil der selben Struktur.

14/04/17
„It's the economy stupid“:

Eine gemachte Binsenweisheit – die ihre Gültigkeit sofort verliert, wenn alle versorgt sind. Nur so lange Knappheit regiert, können wirtschaftliche Argumente die politische Selbstbestimmung übertrumpfen.

In einer Welt, in der wir längst Überproduktion haben, heißt das: Wir verteilen bewusst ungerecht, so dass genügend Menschen Angst haben, zu kurz zu kommen. Und damit erpressbar bleiben, all die Selbsterniedrigungen mitzumachen, die jene ihnen abverlangen, die sagen, das sei die Ökonomie.

10/04/17
Zügel:

Ökonomie heißt im ursprünglichen Sinne des Wortes Haushaltslehre. Es ist die Fähigkeit, unseren natürlichen Trieb nach Versorgungssicherheit zu zügeln. Und Zügeln ganz im Sinne der Metapher: Die Freude der Pferde am Laufen nutzen, indem man ihnen eine Richtung gibt und sie am überspringen hindert. Nichts ist schöner, als bei angenehmen Tempo die Zügel locker zu halten…

„Its the economy stupid“ - jenes Zitat aus der Clinton-Kampange von ’92 heißt, übersetzt in die Metapher: Wir haben die Zügel weggeworfen und überlassen den Pferden die Führung. Sie drehen durch. Die Welt wird verwüstet unter ihren Hufen.

20/03/17
Zentrum:

In menschlichen Belangen ist die Unterteilung in Zentrum und Peripherie natürlich gegeben, denn durch unseren Körper kennen wir den Unterschied zwischen Innen und Aussen. Zum Problem wird diese Unterteilung erst dann, wenn sie gleichgesetzt wird mit der keineswegs natürlich gegebenen Unterteilung in Herrschen und Beherrscht werden.

20/03/17
Krise:

Kein Kontakt zum Zentrum.

19/03/17
Solidarität:

Verantwortung übernehme ich immer für mich selbst. Und das geht nur, indem ich Verantwortung für die Welt übernehme. Andersherum ist die Aussage genau so gültig: Gemeinsam schaffen wir uns in der Welt – d.i. der Raum zwischen uns – die Vorraussetzungen, die Verantwortung für uns selbst übernehmen zu können.

Diese Verschaltung aus Selbstverantwortung und Verantwortung für die Welt, das ist Solidarität. Und nicht, wie oft angenommen, die Übernahme der Verantwortung für Andere. Das läuft vielmehr auf Verantwortungslosigkeit hinaus. Wenn ich auf den Anderen ziele, sozusagen versuche, an seiner Stelle zu handeln, negiere ich den Raum zwischen uns, die Welt. Und ohne Welt ist Verantwortung gar nicht möglich. Sie ist die Struktur, die uns Verantwortung überhaupt erst tragen lässt.

19/03/17
Christentum:

Diese Weltlosigkeit erschreckt mich immer am meisten. Als Ratzinger noch Papst war, hat er das ja sogar (wieder) explizit als Leitmotiv ausgerufen: „Entweltlichung“.

Eine Religion, die langsam über Jahrhunderte als Sekte in den Folterkellern eines sich abwirtschaftenden Weltimperiums entstand, diese Gemeinschaft brauchte ein Bindemittel, das nicht von der Welt war: Das Mitleid. Im Mitleid, das die Gläubigen dann sogar noch ihren Unterdrückern entgegenbringen konnten, fühlten sie sich verbunden – und der Welt überlegen.

Wenn man sich nicht als Teil der Welt empfindet – wie kann man dann eigentlich sich selbst spüren?

16/03/17
Gewalt:

„Es ist besser, ein Unrecht zu erleiden, als ein Unrecht zu tun“, sagt Sokrates. Für mich liegt fast schon etwas Heiliges in dem Prinzip, Leid einfach nur auszuhalten. Ohne es zu verdrängen oder aufzubauschen. Ohne es im Reflex nach Aussen zurück zu geben. Nur in dieser Passivität kann das Leid im Wortsinne aus-schwingen, so dass die Menge an Leid in der Welt langsam abnehmen kann. Jede Aktivität, die aus Leid begründet ist, bringt nur weiteres Leid in die Welt.

Natürlich hat gerade das Christentum sich diese sokratische Weisheit zu eigen gemacht. Oft erscheint sie dort aber als Haltung, die Passivität als eine Form der inneren Überlegenheit zu nehmen. Genau diese Distanzierung ist dann wieder etwas gewalthaftes. Aktiv sucht man die Opferposition und wird somit selbst zum Täter: Als jemand, der einen anderen in die Täter-Rolle zwingt, bringt man neues Unrecht in die Welt.

16/03/17
Hass:

Wie leicht es geht, ein empfundenes Leid durch Umkehr der Richtung sich süß zu machen. Wie schwer es dann fällt, von dieser Frucht zu lassen.

12/03/17
Messias:

Ein heimatloser Streuner. Statt eine neue Heimat zu gründen und nach friedlicher Nachbarschaft zu suchen, erzählt er den Menschen von der Heimat, die ihm die Ewigkeit zu sein scheint.

Beides hat seinen Reiz, das Streunen und die Versprechungen der Ewigkeit – aber will man so jemanden zum Gründer eines Gemeinwesens machen?

12/03/17
Wüste:

Von hier kommt der Monotheismus. Nur unter dieser drückenden Hitze, unter der die Landschaft zu nichts als Flimmern wird, konnte der Gedanke entstehen, dass alles eins ist. Dieser übermächtige, strafende Vater, der Gott am Anfang des Monotheismus ist, den kann man in der Hitze der Wüste wirklich erleben. In all seiner Großartigkeit und Unerbittlichkeit.

12/03/17
Atheismus:

Die Frage, warum Etwas sei und nicht Nichts, habe ich nie verstanden. Erst Recht nicht, wenn ihre Unbeantwortbarkeit als Argument für die Existenz eines (monotheistischen) Gottes genommen wird. Mir stellt sich die Frage dann immer umgekehrt: Warum eine unbeantwortbare Frage stellen? Welches Interesse verfolgt man damit?

Wir werden in die Fülle geboren. Sie ist uns im wahrsten Sinne des Wortes selbst-verständlich. Wenn wir diese Selbstverständlichkeit zurückweisen und die Fülle verdächtigen, dass hinter ihr „das Nichts“ sei – warum tun wir das? Welche verbannende Strafe ist das, die wir da akzeptieren, wenn wir die Fülle nicht annehmen wollen?

09/03/17
Chaos:

Am Anfang war das Chaos. Und am Ende wird Chaos sein. Und in der Zwischenzeit – ist auch ziemlich viel Chaos.

Alles hat seine natürliche Ordnung, nur wir Menschen distanzieren uns so gerne davon. (Weil es irgendwann mal einen Vorfall gab, von dessen Schmerz wir uns immer noch nicht erholt haben?) Und aus der Distanz, wollen wir dann der Welt unsere Ordnung aufgeben. Wir machen einen Plan – „aber gehen tun sie beide nicht“. Und dann denken wir: ‚Was für ein Chaos…‘

08/03/17
Information:

Das Formieren findet immer beim Empfänger statt. Nach innen formiert sich das System aus all den vielen Signalen, die es von Aussen erreichen. Wäre die Botschaft schon beim Sender fertig, hieße es ‚Ausformation‘. Oder man würde gleich Pupsen sagen.

08/03/17
Architektur:

Von all den Disziplinen, die sich mit Struktur beschäftigen, ist es die Architektur, die Kompaktheit zur Aufgabe hat.

Kompaktheit ist der Zustand minimaler Spannung nach Innen. Der Moment, in dem alles gut zusammengehalten ist: So, dass es kaum Energie kostet. Der Moment gegen Ende des Einatmens. Wir Menschen brauchen diese Kompaktheit, gerade wenn wir den vielen Bewegungen unseres Körpers und unserer Seele folgen wollen. Die Kompaktheit gibt dafür nicht nur die Stabilität, sie in-formiert all das in und um uns, was sich ständig in Bewegung befindet. Ohne Kompaktheit kein Flow.

06/03/17
Kapitalismus:

Wir Menschen haben immer gute und schlechte Eigenschaften. Kapitalismus ist die Haltung, die sagt, es sollen die schlechten Eigenschaften die Welt regieren: Gier, Argwohn, Neid, usw.

Wie oft habe ich es mir schon von Ökonomen anhören müssen, dass es gut für alle sei, wenn der Einzelne aus niederen Motiven handelt. Weil aus diesem Niederen der Antrieb käme zur Leistung, so dass am Ende mehr für alle da sei. Schon Goethe lässt den Mephisto sagen: Ich bin „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Ich frage mich immer: Welche Erfahrungen haben Menschen gemacht, die ernsthaft glauben, es sei gut für die Welt, wenn das Laster regiert?

06/03/17
Ideale:

Wir Menschen haben immer gute und schlechte Eigenschaften. Wenn man sagt, es sollen die guten Eigenschaften die Welt regieren, dann nimmt das selten ein gutes Ende. Die Welt wird nicht gut, wenn ‚Das Gute‘ regiert.

Im Gegenteil: Wenn die andere Hälfte unserer Eigenschaften einfach negiert wird, werden diese umso wirksamer. Es ist immer das Verdrängte, das das Kommando übernimmt. Und so hat der Sozialismus durchaus mitgeholfen, den Kapitalismus in seinen scheinbar unumstösslichen Thron zu heben.

01/03/17
Kunstlicht:

Im Kunstlicht erscheint unser Aussenraum, die Welt, als wäre es unser Innenraum, die Seele.

01/03/17
Licht:

Ich kenne bislang drei Arten von Licht.

Das Licht von Aussen, dessen Quelle die Sonne ist. Dieses Licht, dessen ursprüngliche Hitze alles übersteigt, was wir Menschen erfahren können, kommt zu uns aus der Ferne. Hier in der Menschenwelt gibt es uns die Realität. Je mehr wir von diesem Licht empfangen, um so deutlicher und unzweifelhafter wissen wir, was zwischen uns Menschen ist. Das Sonnenlicht stiftet den Gemeinsinn.

Dann gibt es das Licht von Innen, dessen Quelle das Herz ist. Dieses Licht ist unsere Lebendigkeit. Unsere Augen reflektieren dieses Licht nach Aussen. Wenn wir die Augen aber schliessen, dann können wir das Licht selbst sehen. Das Herz ist ein unendlich weiter Lichtraum und durch seine Pforten strömt es hinaus in den gesamten Körper. Dieses Licht gibt die Leichtigkeit, die wir Liebe nennen.

Und dann gibt es jenes Licht, von dem ich bislang am wenigsten weiß. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob es überhaupt ein Licht ist. Oder nicht eher eine Fläche, die deswegen strahlt, weil sie aus nichts als reinem Weiß besteht. Ein Weiß, in dem sich alles auflöst. Dieses Licht erscheint mir ab und an, wenn ich mit meiner Stirn hinaus schaue. Oder hinein? Bei diesem Licht gibt es solche Unterscheidungen nicht mehr.

24/02/17
Zufall:

Aus Sicht des Universums ist alles Zufall.

5000 Jahre Patriarchat: Zufall.

Die triviale und doch so oft erlebte Dichotomie aus reichem Innenleben und hohlem Gesellschaftsleben: Zufall.

Die spezifischen Unterschiede und Zusammenhänge zwischen den Fakultäten Vernunft, Logik, Verstand und Urteilskraft: Zufall.

Monotheismus, Polytheismus: Zufall.

Unser Geist kann aufsteigen zum Universum und sich der Zufälligkeit all dieser Konfigurationen bewusst werden. Aber Geist haben wir Menschen nur, weil wir in der Welt beheimatet sind, die aus all diesen Zufällen geformt ist. Und in der diese Zufälle konkrete Wahrheiten sind.

Aber natürlich: Auch diese Konfiguration – dass Zufälle als Wahrheiten erscheinen – ist aus Sicht des Universums: Zufall.

22/02/17
Kopf & Herz:

Ich liebe dieses Zusammenspiel: Das Herz im Zentrum sendet sein Licht & der Kopf darf Namen vergeben an die Wahrheiten, die im Licht erscheinen.

15/02/17
Berührung:

In jeder Berührung liegen die Informationen für eine ganze Welt. Ich bin geborgen, wenn ich diese Informationen empfangen und sortieren kann.

…alles, was ich weiß, ist durch Berührung zu mir gekommen. Es ist das größte Geschenk, dass ich mir selbst machen kann: Mich berühren lassen.

13/02/17
Bild:

Jedes Bild ist die Spur einer Vision. Spuren sind das, was von Handlungen übrig bleibt. Bilder sind die Spuren der Handlungen, bei denen in uns das sichtbar wird, was wir von Aussen empfangen.

13/02/17
Vision:

Visionen sind nicht etwas, das es zu erreichen gilt. Visionen erleuchten in uns, was um uns ist.

13/02/17
Innere Sicherheit:

Neulich habe ich nach langem mal wieder durch das Fernsehen gezappt und ich konnte gar nicht zählen, wie oft der Begriff ‚Innere Sicherheit‘ fiel. Eine gute Dekade jetzt, seit es hieß, wir müssten unsere Sicherheit „am Hindukusch“ verteidigen…

Wir sind im Krieg. Ein Krieg, der im Aussen, nicht im Innen, stattfindet. Und ein Krieg, den wir mit angezettelt haben. Was wir jetzt im Innen an Bedrohung erleben, ist nur eine schwache Resonanz auf unsere eigenen Aggressionen im Aussen. Doch diesen einfachen Zusammenhang will keiner ziehen. Es könnte ja bedeuten, dass sich etwas ändern ließe an der bleischweren Apathie, in der wir mehr und mehr erstarren.

13/02/17
Fernseher:

Mit Lampen bringen wir Licht in die Dunkelheit. Und dann gibt es diese eine Lampe, deren Licht strahlt nicht hinaus, ihr Flackern gibt keine Kraft. Von ihr geht eine hypnotische Nervosität aus, die alles aufsaugt. Um den Fernseher wird es dunkel. Auch in den Seelen der Zuschauer.

11/02/17
Nahrung:

Genährt werden wir nicht dadurch, dass wir etwas bekommen, sondern dadurch, dass wir etwas geben. Oder noch besser, dass wir in den Kreislauf hineingeben, in dem Geben und Nehmen untrennbar zusammenhängen. Denn in seiner nährenden Tiefe kommt das Gefühl, versorgt zu sein, von Innen, nicht von Aussen. Es ist die schöpferische Kraft, ohne die jede Aktivität auf Dauer sinnlos erscheint.

Und das ist die Schizophrenie unserer Zeit: Wir machen unsere Jobs, die uns von Aussen versorgen, nur um dann in der restlichen Zeit – die wir ‚Freizeit‘ nennen – nach Aktivitäten zu suchen, die kompensieren sollen, dass unsere Jobs uns nicht von Innen nähren.

09/02/17
Bohemien:

Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit. Die Gefühle sind da, alle. Aber was bedeuten sie?

09/02/17
Erinnerung:

Äusseres, dass im Innen nachlebt – in der Form, dass es das Innere ist.

09/02/17
Gleichschaltung:

Kommt mit Angst. Angst vor Ausgrenzung.

„Es ist, als ob sich ein leerer Raum um einen bildet“ beschreibt Hannah Arendt das Gefühl, als ’33 ihre nichtjüdischen Freunde sich quasi über Nacht gleichschalteten und zu Nazis wurden. Dass sie also nicht nur keinen Widerstand leisteten („das kann man niemandem vorwerfen“), sondern plötzlich selbst dran glaubten. Und das „höchst freiwillig“, noch nicht unter dem späteren „Druck des Terrors“.

Diese Freiwilligkeit ist die Angst selbst: Aus Angst vor Ausgrenzung – davor, in diesen leeren Raum verstossen zu werden – betreiben wir selbst die Ausgrenzung und bringen das, wovor wir Angst haben, erst in die Welt. Und das geschieht immer freiwillig. Auch heute, bei der Gleichschaltung, die wir heute erleben.

07/02/17
Wahrheit:

Die Wahrheit liegt im Verdrängten. Es ist die Wahrheit, dass es keinen wirklichen Grund dafür gibt, die Welt mehr oder weniger nach der einfachen Dichotomie des ‚Herrschen oder beherrscht werden‘ aufzuteilen. Diejenigen von uns, die das teils grausame Leid dieser Ohnmacht tragen (müssen), leben sehr viel näher an der Wahrheit, als diejenigen, die glauben, sie hätten noch die Chance, ihre eigenen Vorteile zu sichern.

29/01/17
Beziehung:

Jedes Aussen ist ein gemeinsames Innen.

23/01/17
Konflikt:

Der Korridor unserer Kommunikation wird immer enger, die vielen Konflikte verdichten sich immer mehr zu einem großen Konflikt: Die Welt scheint nur noch aus zwei Lagern zu bestehen, die nicht miteinander „können“ und sich am liebsten damit beschäftigen, die andere Seite für den Konflikt verantwortlich zu machen. Die Welt gehört echt mal in die Paartherapie.

23/01/17
Gewaltfreie Kommunikation:

Ich mag Trump auch nicht. Aber wie sich in der öffentlichen Debatte jetzt eine Selbstverständlichkeit im Tonfall etabliert hat, über den gewählten Präsidenten der USA zu sprechen, als habe er nicht alle Tassen im Schrank, das sollte man sich wirklich gut überlegen: Nur weil Trump selbst zu gewalthafter Sprache neigt, sollte man deswegen wirklich über ihn genau so sprechen? Welches Interesse verfolgt man damit? Und vor allen Dingen: Kurbelt man das verhängnisvolle Spiel des Konflikts, in das unsere Welt immer mehr gerät und für das man so gerne ihn verantwortlich macht, damit nicht gerade selbst an?

23/01/17
Fake News:

Wer es wissen will, weiß auf was für dubiose Quellen die deutschen Medien sich seit 6 Jahren im Syrienkrieg beziehen (mit seltenen Ausnahmen alle großen Zeitungen, die wichtigen Radiosender und vom Fernsehen will ich gar nicht sprechen). Nur ein Beispiel, aber das ist eigentlich alles, was mir einfällt, wenn jetzt seit der Trump-Wahl von den gleichen Medien die Hysterie über „Fake News“ geschürt wird.

21/01/17
Unabhängigkeit:

Verbunden sind wir immer, doch im Namen der Unabhängigkeit wird so oft die Axt angelegt an dieses Gewebe unserer Verbundenheit, das wir ‚Welt‘ nennen. Wenn der Begriff überhaupt einen Sinn haben kann, dann doch nur so: In sich selbst ruhen zu können.

Ruhend in mir selbst bin ich verbunden mit allen anderen. Die permanenten Schwingungen von Aussen schwingen nicht einfach durch mich durch und reißen mich weg von mir selbst. Sie schwingen in mir nach und da sie ja aus allen Richtungen gleichzeitig kommen, helfen sie mir, mein eigenes Zentrum zu spüren.

18/01/17
Ruhe:

Ich suche nach einem Wort für das exakte Gegenteil von Ruhe. Unruhe, Nervosität, Stress, etc. – all diese Worte scheinen doch eher die Abwesenheit von Ruhe zu bezeichnen. Aber es gibt eine Energie in mir, die ist wirklich das genaue Gegenteil von Ruhe.

Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass beide, Ruhe und Gegen-Ruhe, eigentlich dasselbe sind: „In der Ruhe liegt die Kraft“ sagt man und ich würde sogar sagen, die Ruhe ist die Kraft. Aber diese Kraft will verstanden werden – unverstanden kehrt sie sich in ihr Gegenteil.

18/01/17
Pause:

„Jazz is what you not play“ hat Miles Davis gesagt. Ich selbst bin im Tanz auf die Erkenntnis gekommen: Komposition, aber eigentlich jede Form und damit jedes Ding, entsteht aus der Pause. Die Pause ist nicht einfach ein Abwarten und auch nicht bloß ein Sammeln neuer Energie. Die Pause ist das eigentliche Strukturelement.

Im Innehalten des Nichtstuns können wir uns öffnen und dieses Öffnen schafft den Raum, in dem Alles stattfindet. Die Töne, Bewegungen, Wörter, Farben oder was immer gerade das offizielle Material unseres Tuns und Ding-Formens ist, sind nur die Grenzsteine, die diese Pausen-Räume zueinander markieren.

13/01/17
Heidegger:

Dass uns der Sinn vom Sein abhanden gekommen ist, stimmt ja. Einfach nur zu sein, ohne etwas machen zu müssen, das fällt vielen von uns sehr schwer. Aber ist das ein Problem, dass sich denkerisch lösen lässt? Wenn man Denken so versteht, wie Heidegger es wohl tat: Als etwas, das in mir selbst stattfindet und umso besser gelingt, je mehr ich nur in mich höre.

Dort, in sich selbst, fand er die Leuchtkraft der eigenen Kreativität, die ihn dann eine ganz neue Sprache hat (er)finden lassen. Aber die ontologische Differenz, dieses Teilung des Seins in polare Gegensätze, zwischen denen dann der Sinn verloren geht, wiederholte er damit, nur anders gelagert: als die Differenz von Innen und Aussen. Und isoliert in sich selbst verpasste er natürlich gerade das, worin uns Menschen ein ungeheuer einfacher wie kräftiger Sinn gegeben ist, den Gemeinsinn.

Liegt nicht gerade darin der Sinn des Seins: Dass wir gemeinsam sind?

12/01/17
Frieden:

So sein wie Sein so ist.

10/01/17
Vision:

Eine Kraft, die aus der Realität kommt. Was wir in uns als Vision sehen können, ist die Resonanz auf das, was wir von aussen empfangen. Je weniger wir machen, desto logischer passt alles zusammen.

10/01/17
Kristall:

Grob gesagt gibt es zwei Formen, in denen wir die Ordnung der Dinge erfahren: Als ziehende Ungewissheit oder als Kristall.

Das Kristall ist die Struktur, in der alle Zeit der Welt enthalten ist. Jeder Moment enthält alle anderen Momente. Alles ist versorgt, aber ohne Mühe. Wir empfangen, indem wir geben und weil wir empfangen, fällt es leicht zu geben. Es ist eine Lust, zu dienen.

Die Dichotomie des „um zu“ hebt sich auf. Ich muss nicht länger eine Sache tun, um eine andere tun zu können. Mich nicht an einer Stelle fest machen, um an einer anderen in die Weite gehen zu können. Nicht erst das Notwendige versorgen, um dann Freiheit zu leben, usw. Öffnung & Schliessung, Enge & Weite, Notwendigkeit & Freiheit, Innen & Aussen – alle solche Gegensätze sind im Kristall ineinander geborgen. Die Welt ist Licht und das Licht ist Geometrie.

Am bekanntesten ist das Gefühl des Kristalls aus dem Frisch-Verliebt-Sein: Alles ist verbunden, von der tiefsten Herzenskammer bis in die entferntesten Winkel der Welt, ist gut sortiert, erreichbar und leuchtet magisch. Deswegen sehnen sich so viele nach dem Verliebt-Sein. Aber es ist nur der erste Schritt. Gerade das Dienen, durch das das Kristall erst zu einer festen Gewissheit werden kann, vergessen wir oft. Mühelosigkeit will gelernt sein.

03/01/17
Diamant:

„Ohne Druck wäre der Diamant auch nur Kohlenstoff.“ Habe ich Oli Kahn mal sagen gehört. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht, denn was ist hier mit Druck gemeint? Doch nicht der Stress, den wir uns gegenseitig machen, „Leistung“ bringen zu müssen und nicht „Versagen“ zu dürfen.

Die Perfektion des Diamanten entsteht durch ein schier ewiges, konstantes Geben von Kraft. Wenn man das Druck nennen will, dann sollte man zumindest präzisieren: im Sinne eines sich hin-gebenden Einschmiegens.

03/01/17
Struktur:

Struktur an sich ist nichts. Ohne Struktur ist alles Nichts.

23/12/16
Postfaktisch:

The empire strikes back. Da fühlt sich eine große Gruppe von Menschen – ob zu Recht oder zu Unrecht ist erst mal gar nicht entscheidend – im öffentlichen Diskurs nicht repräsentiert und ein Teil von ihnen bringt das auf den etwas fäkalen Begriff „Lügenpresse“. Und das so beschimpfte Establishment, zu dem ja nicht nur der Medienapparat gehört, sondern auch wissenschaftliche und staatliche Einrichtungen wie eben die „Gesellschaft für deutsche Sprache“, schlägt zurück mit dem Begriff „postfaktisch“. Beide Seiten werfen sich in gegenseitiger Ignoranz das gleiche vor, nur das die eine sich dabei schön erheben und denken kann: „Unser Schimpfwort ist viel cooler“.

21/12/16
Terrorismus:

Jetzt heißt es wieder: „Wir lassen uns von denen nicht unsere Freiheit nehmen.“ Den Spruch muss man sich mal vorstellen – wenn man ihn zu jemandem sagt, der aus Syrien, dem Jemen, aus Libyen oder sonst einem der vielen Länder im Nahen Osten kommt, in denen unsere Regierungen und/oder ihre lokalen Vasalenregime Krieg führen. Dort findet ein Terror statt, von dem „wir“ hier gar keinen Begriff haben.

Wenn man schon dieses Spiel „wir gegen die“ spielen will, dann doch bitte richtig: Wir, die Mehrheit der Menschen, die in Frieden leben wollen in der westlichen und in der arabischen Welt, solidarisch miteinander gegen die Aggressoren in der westlichen und in der arabischen Welt, die uns alle nicht in Frieden lassen.

17/12/16
Irrationalität:

Es gibt keine irrationalen Handlungen. Es gibt nur Handlungen, deren Rationalität verborgen bliebt. Weil sie einfach ignoriert wird. Manchmal von dem Handelnden selbst (wenn jemand sich selbst nicht kennt), meistens aber eher von den Mitmenschen, die nicht wahrhaben wollen, wenn die Ratio von Ursache und Wirkung, die jedem Handeln zugrunde liegt, auf sie verweist.

17/12/16
Anerkennung:

Alles Verstehen ist eine gemeinsame Übung. Erst wenn ich eine Einsicht (dieses Licht, das ich in mir trage) mit Anderen teilen kann, wird daraus ein wirkliches Verstehen (dieses Gefühl, in dem das Herz seinen Frieden findet). Insofern sind wir immer auf andere Menschen angewiesen: Dass wir uns selbst gemeinsam verstehen können.

Wenn wir die Erfahrung machen, dass die Menschen um uns dieses Gemeinsame verweigern, weil ihnen nicht am Verstehen gelegen ist, dann kann es passieren, dass wir aus dem Wunsch nach Verstehen in den Kampf um Anerkennung verfallen. Der aber nie ein erfolgreiches Ende finden kann, denn wirklich erkennen kann uns nur ein Gott, d.h. jemand, der uns wirklich elementar überlegen ist.

Und das ist dann das Groteske dabei: Wenn ich in diesen Teufelskreis des Kampfes um Anerkennung gerate, dann behandle ich jemanden als Gott, der eigentlich nur zu der Solidarität des Verstehens nicht fähig ist.

29/11/16
Berliner Republik:

Auf der leeren Wiese vor dem Bundestag darf nicht demonstriert werden und die Strasse, die auf den Bundesrat zuläuft, ist eine überdachte Shopping Mall. Willkommen in der Berliner Republik.

23/11/16
Trump:

Ich verstehe langsam, warum ich mich so schwer damit tue, in die allgemeine Aufregung um den Typen einzustimmen: Dafür ist es einfach zu ernst. Die Hysterie hat ihm doch erst die Aufmerksamkeit gebracht, die ihn in dieses Amt spülte. Ich will an dieser Hysterie nicht teilhaben. Nicht nur weil so vieles, was diese Hysterie hervorbringt, so offensichtlicher Quatsch ist (z.B. dass er ein Faschist sei), sondern weil die Hysterie von den tatsächlichen Problemen ablenkt. Die Welt ist in Gefahr, aber doch nicht erst durch Trump. Durch uns alle!

Trump ist die Fratze, die unser verkommener Gemeinsinn angenommen hat. Seine Dummdreistigkeit ist wirklich der kleinste gemeinsame Nenner, durch den wir alle noch miteinander verbunden sind. Die einen jubeln ihm zu, die anderen ekeln sich, aber beschäftigen tun sich alle gerne mit ihm. Und das eben schon lange bevor er die Wahl gewonnen hat.

20/11/16
Ampeln:

Schon lange träume ich von einer Kunstinstallation: Alle Lichter der Stadt werden bei Nacht ausgeschaltet – ausser den Ampeln. Die Stadt erstrahlt nur noch in ihrem Licht, ein Schimmer sich wechselnder Rot, Gelb und Grün-Töne. Wir laufen durch die leeren Strassen (Autos fahren nicht, sie würden ja Licht machen) & können endlich das Zauberreich sehen, in dem wir leben.

20/11/16
Leuchten:

Wenn ich Nachts auf der leeren, dunklen Strasse drei Ampeln einsam rot leuchten sehe, dann muss dieses Leuchten einfach etwas „bedeuten“. So kräftig strahlt es mir entgegen, auf dem Boden schimmert der Glanz. Da ist ein Überschuss an Energie, der muss doch einfach irgendwo hinführen.

Dieses „Bedeuten“, meine ganze Pubertät habe ich geglaubt & gehofft, dass es das wirklich geben möge: Ein Wissen über die Welt, dass sich einfach nur empfangen ließe und dann wäre auch ich erleuchtet. Und geborgen. Gefunden habe ich dieses Leuchten erst viel später. Ich musste es nicht empfangen, es war schon da.

Drei rot leuchtende Ampeln in der Nacht, früher wären das drei Götter gewesen, die die Kreuzung bewachen und Tribut verlangen, wenn man unbeschadet passieren will.

26/10/16
Innovation:

Wird oft mit Kreativität verwechselt, ist aber deren genaues Gegenteil. Gerade die sogenannte „Kreativwirtschaft“ ist der Killer aller Kreativität. Der Zwang zur ständigen Innovation – dass im Kapitalismus nur überlebt, wer ständig alles neu und anders macht – beraubt die Kreativität ihrer Freiheit. Ihre schöpferische Kraft wird ausgebeutet, um Probleme zu lösen, die es gar nicht gäbe, wenn sie einfach frei walten könnte.

26/10/16
Kreativität:

Die Kraft in uns, die nichts will und deshalb alles kann.

26/10/16
Wahnsinn:

In mir gibt es eine Kraft, wo Wirbelsäule und Becken zusammenkommen. Die Schaltstelle des Systems, hier ist der Ursprung aller Lebendigkeit. Von hier atmet es in die Welt hinein. Das Herz ist Zeuge.

Aber manchmal ist es, als ob der Atem stockt und das Herz schwarz wird. Dann – ungesehen und unverstanden – gebiert sich diese Kraft als Monster. Dieses Monster, das ist der Wahnsinn.

20/10/16
U-Bahn:

Morgens um 8 versammelt die Stadt sich unter der Erde. Gesicht an Gesicht stehen wir beinander. Die Augen gehen über. Wer bin ich, wer bist Du? Ist das wichtig?

18/10/16
Europäische Union:

Ein politisch geeintes Europa hätte so viel Macht. Nicht wegen irgendwelchen „Werten“, für die es stünde. „Aufklärung“ und der ganze Kram. Das sind immer Ablenkungsmanöver von der Realität, die ja gerade darin besteht, dass Europa immer mehr auseinander fällt, je mehr versucht wird, es unter der Vorherrschaft einer Regierung zu einen.

Von hier kam das Konzept des Nationalstaates, wenn von hier die Lösung für dieses Problem ausgehen würde, wie großartig wäre das! Demokratie bedeutet nicht, so zu regieren, als hätten alle das selbe Interesse, sondern einen Raum zu bilden, in dem die verschiedenen legitimen Interessen miteinander umgehen können. Man kann das nicht schöner auf den Punkt bringen als im Englischen durch meinen Freund Fred Dewey: „Union, not unification“.

Ein wirklich politisch geeintes Europa, d.h. eine wirkliche Union mit föderalen Prinzipien, eine Union, in der alle an einem Tisch sitzen und sich auf Augenhöhe begegnen, in dem die verschiedenen Interessen gehört und beachtet werden können, solch ein Europa könnte der Welt zeigen, wie man friedlich zusammen lebt. Und darin läge so viel Macht.

16/10/16
Globus:

Dass wir einen geometrischen Körper kennen, auf dessen Oberfläche alles horizontal zueinander organisiert ist und trotzdem in sich geschlossen und homogen – das ist eigentlich unglaublich. Unendlichkeit in einem endlichen System. Und dann finden wir Menschen uns auch noch auf einem Planeten versammelt, der tatsächlich genau diese geometrische Form besitzt… Daraus müssten wir doch echt mal was machen!

16/10/16
Symmetrie:

Ist weder eine reine Naturtatsache, aber auch nicht ganz ein blosses Ideal. Symmetrie ist eine Erfahrung: Dass uns Menschen in der horizontalen Ebene immer alle Möglichkeiten offen stehen. Dass Rechts und Links gleich wahrscheinlich sind. Dieser Erfahrung entspricht die Veranlagung unseres eigenen Körpers, aber auch das nur bei grober, äusserer Betrachtung. Tatsächlich ist ja gerade unsere Mitte, also die Achse unserer Körpersymmetrie, nicht symmetrisch: die Wirbelsäule ist eine Spirale.

In der unendlichen horizontalen Ebene, die sich zwischen Rechts und Links aufspannt, bewegen wir uns in Spiralen.

16/10/16
Perfektion:

Im Aussen ist Perfektion etwas, wonach wir immerzu streben. Im Innen erscheint Perfektion wie von alleine mit der Einfachheit, wenn wir von allem Streben loslassen. Wahrscheinlich ist die perfekte Perfektion der Zustand, wenn Innen und Aussen sich gerade berühren.

14/10/16
Verachtung:

Invertierte Solidarität. Verbunden sind wir immer. Wir haben die Wahl, in welcher Weise.

13/10/16
Angst:

Würde ich mit unumstößlicher Sicherheit um meinem sehr baldigen Tod wissen, ich glaube dann käme eine Ordnung und Klarheit in mich, die genau das Gegenteil von Angst ist. Angst entsteht gerade nicht in der Vergegenwärtigung, dass wir alle sterben werden, sondern darin, dass wir weiterleben. Dass wir all dem Chaos in der Welt und all den widersprüchlichen Energien, die unser Herz durchziehen, ausgeliefert sind und es bleiben, das ist der Kern aller Angst.

13/10/16
Recht:

Die Struktur, die wir uns geben, damit sein kann, was ist. Der Spruch „Die Liebe hat immer Recht“ gibt einen Hinweis, was ich hier meine. Er ist nur zu verstehen, wenn Liebe gerade nicht als Sentimentalität verstanden wird, d.h. als plötzlicher Impuls des Herzens. Diese Impulse kommen und gehen, vor allen Dingen widersprechen sie sich ständig. Daraus ein Recht abzuleiten, läuft darauf hinaus, mit jedem einzelnen Recht, alles andere Recht ständig in Frage zu stellen. (Mir scheint genau das eine verhängnisvolle Aporie im Denken Rousseaus.)

Wenn Liebe aber einfach als Gefühl verstanden wird, als eine der unendlich vielen Energien, mit der wir einfach in der Welt sind – und unter diesen dann als die fundamentalste dieser Energien, das Gefühl, in dem wir unser Fühlen fühlen –, dann ist Recht einfach die Struktur, in der alles Sein sein kann. "Die Liebe hat immer Recht" heißt einfach nur, dass die Liebe sein will. Und so gibt das Recht jedem Gefühl sein Recht, das heißt seinen jeweiligen Ort in der Welt. Es trennt die vielen verschiedenen Gefühle gerade darum voneinander, damit sie miteinander sein können. Genau in diesem Sinne ist das Recht die Struktur der Welt.

28/09/16
Welt:

Uns Menschen ist die Welt, was dem Fisch das Wasser ist. Durch das Wasser ist der Fisch in Verbindung mit allem Anderem im Wasser. Und er kennt das Wasser gut, aber nicht dem Begriff nach. Er kennt es, weil er weiß, wie er sich darin bewegen kann. Würde er es dem Begriff nach kennen, wüsste er auch, was Trockenheit ist. Diese Erfahrung macht er aber erst, sollte er sein Ende in der Bratpfanne finden.

28/09/16
Modell:

Jedes Modell ist eine invertierte Welt. D.h. es ist mehr als ein Abbild der Welt, aber es ist natürlich nicht die Welt selbst. Aus der unendlichen Menge von Erscheinungen in der Welt wird eine herausgezogen und zu einem Prinzip gemacht, durch das sich nun die Welt entfaltet. Biologische Prozesse werden zu Evolution, Menschliche Triebe werden zu Ökonomie, räumliche Geometrien zu Architektur, usw. Die Welt wird von Aussen nach Innen gestülpt, Realität zu einer Ableitung.

In dieser invertierten Welt lässt es sich wunderbar leben, alles ist erklärt. Es ist ein Sklavenleben. Sobald unser Herz wieder nach Freiheit ruft, sehen wir, wie nackt wir sind.

28/09/16
Wissenschaft:

Die Kräfte der Natur sind nicht nur größer als alles, was wir Menschen an Kräften haben, sie sind sogar größer als alle Maßstäbe es fassen können, die wir aus unserer eigenen Physis heraus haben. Im ursprünglichen Wortsinne, wie Aristoteles das Wort benutzt, ist die Physik also heute gar keine Physik mehr. Sie ist eigentlich Magie – oder besser, sie ist das, was der Magie immer vorgeworfen wird: Eine Disziplin, deren Behauptungen sich nicht überprüfen lassen. Überprüfen lassen sich immer nur Phänomene, die es ohne die Modelle, die sie erklären sollen, gar nicht gäbe. Mit den modernen Wissenschaften haben wir Kräfte in unseren menschlichen Bereich eingelassen, von denen wir eigentlich keine Ahnung haben.

19/09/16
Spiel:

Wenn ich eine Emotion spiele, dann „habe“ ich sie. Denn ich spüre ja, was ich spiele – und das kann köstlich sein…

Diejenigen, die meinen, gespielte Emotionen seien nicht echt, wollen wahrscheinlich das Umgekehrte: Dass nicht sie eine Emotion haben, sondern dass eine Emotion sie hat. Dass nicht sie etwas spüren, sondern dass „es“ sich spürt.

12/09/16
Samen:

Jeder Anfang ist wie ein Samen und jeder Samen ist – im Verhältnis zu dem Baum, der aus ihm werden wird – fast nichts. Das muss man sich immer wieder klar machen, an jedem Anfang ist fast nichts.

11/09/16
Nineeleven:

Ich erinnere mich noch gut an den Schock, der damals durch den öffentlichen Raum der westlichen Welt ging. Und an die Hysterie. Nachdem nach ’89 so viele dem Gefasel vom „Ende der Geschichte“ auf den Leim gegangen waren, konnte man sich nun gar nicht schnell genug aufschwingen und ausrufen: „Das hier ist historisch!“ Meine Angst, die ich damals hatte, galt dieser Hysterie. Ich war noch jung, ich verstand noch fast gar nichts von Politik, aber das habe ich gespürt: Hier gerät die Welt aus den Fugen. Ich sah, wie alle fasziniert auf die Bilder der einstürzenden Türme schauten und mir war völlig klar, in diesem Zustand ist uns alles zuzutrauen.

10/09/16
Wohlstand:

Als Gesellschaft sind wir der Form nach immer noch eine Religionsgemeinschaft. Nur ohne Gott und ohne Buch. Die Autorität einer transzendentalen Ordnung ist ersetzt durch die Fiktion, das es so etwas wie ein ‚kollektives Gesamtinteresse‘ gäbe. In unseren westlichen Staaten (und seit „der“ Globalisierung bald in der ganzen Welt) ist diese Fiktion der Wohlstand. Wie viel weniger Gottesdienst wir dem Wohlstand leisten müssten, wenn wir uns statt seiner steten Mehrung einfach mal um seine faire Verteilung kümmern würden.

10/09/16
Hysterie:

Wenn ein abgeschautes Verhaltensmuster umso mehr betrieben wird, je weniger es zum Erfolg führt.

10/09/16
Gesellschaft:

Verregelte Regellosigkeit. Alle verhalten sich, niemand handelt. Alle verhalten sich nach Regeln, die es nicht gibt. Es sind immer „die Anderen“, denen man folgt. Die Hysterie, die wir im Bereich des Gesellschaftlichen oft erleben und in der jede Realität verloren gehen kann, ist Ausdruck der verregelten Regellosigkeit.

10/09/16
Facebook:

Je besser man die Spielregeln beherrscht, desto weniger weiß man, was gespielt wird.

10/09/16
Tanz:

Jede Bewegung kann ein Tanz sein. Es ist eine Frage der Aufmerksamkeit. Wir können den Impulsen in uns lauschen, wie wir der Musik lauschen können, die in der Stille liegt. Der Rest passiert von alleine.

10/09/16
Entspannung:

Geschmeidige Aktivität. Geschmeidig heißt hier: Transparenz von innen her. Das Licht, das jeder von uns in sich trägt, kann wie selbstverständlich in jede Zelle unseres Körpers strahlen.

10/09/16
Passivität:

Gibt es für uns Menschen gar nicht. Eine Sehnsucht danach natürlich schon. Aber wir Menschen sind immer aktiv. Gerade die Option, sich selbst und damit aller Aktivität ein Ende zu machen, ist etwas sehr aktives. Der Freitod erfordert hohe Aggressivität (gegen sich selbst). Es ist nicht einfach ein Schalter, den man umlegt, sondern ein hohe Schwelle, die zu überschreiten sich nie von selbst anbietet.

Aber natürlich ist Entspannung möglich. Ich würde diese nur nicht als Passivität bezeichnen, sondern als ‚geschmeidige‘ Aktivität. Und mehr noch, wer diesen Zustand der geschmeidigen Aktivität einmal für sich gefunden hat, muss ihn kaum noch verlassen, egal welche äusseren Umstände gerade anstehen.

10/09/16
Freiheit:

Die Griechen wussten sehr gut, dass wer zu ängstlich an seinem Leben hängt, niemals Freiheit erlangen wird.

Das hat natürlich nichts mit Tollkühnheit zu tun, sein eigenes Leben leichtfertig aufs Spiel zu setzen, und noch viel weniger mit dem Zynismus der „Weltpolitik“ (man denke nur an die Generäle im Kalten Krieg, die in ihren Szenarien von einem „Kilototen“ pro 1.000 Toten sprachen). Was ich meine ist etwas ganz anderes:

Wer frei sein will, der muss gegenüber der eigenen Lebendigkeit eine gewisse Distanz halten können. In freundlicher Partnerschaft natürlich, aber mit einem gewissen Abstand. Denn frei zu sein heißt, mit der Welt verbunden zu sein. Das Leben selbst aber kennt keine Welt.

10/09/16
Leben:

Zum Diener unserer Lebendigkeit machen wir uns in vielen Formen. Dauerparty ist eng verwandt mit Arbeitsmanie ist eng verwandt mit Sicherheitswahn. Und so weiter. Immer geht es darum, sich durch Aktivität die Angst vor Passivität vom Leibe zu halten. Und das ist die Angst, dass Passivität gleichbedeutend sei mit dem Ende aller Lebendigkeit.

09/09/16
Realismus:

Wird in der Politik oft gegen Moralismus in Stellung gebracht. So im Sinne von: „Wäre ja schön, wenn wir in Europa alle Flüchtlinge aufnehmen könnten, ist aber leider nicht realistisch.“ Tatsächlich ist genau das Gegenteil realistisch: Die Flüchtlinge und wir in Europa, wir leben in einer Welt. Wie wir uns zu ihnen verhalten, so verhalten wir uns zu uns selbst. Innen und Aussen sind nur scheinbar verschiedene Bereiche, ein Kontinent, der sich mit Zäunen nach Aussen abschirmt, errichtet auch intern immer mehr Zäune und fragmentiert sich. Und wenn seine Bewohner einfach ignorieren, dass die Menschen im Meer ertrinken, dann ignorieren sie letztlich sich selbst als empfindungsfähige Wesen. Das hat nichts mit Moral zu tun, das ist Realismus.

07/09/16
Marx:

Dass man nur verstehen kann, was man selbst (oder seinesgleichen) hergestellt hat, ist wahrscheinlich der wirkmächtigste Gedanke, den Marx uns hinterlassen hat.

Mir scheint dieser Gedanke die Quintessenz, die er aus Hegels Dialektik nimmt. Was dort noch geistige Prozesse sind, die auf den reinen Begriff zielen (was immer das sein soll), sind dann bei Marx eben Produktionsprozesse. Alles wird produziert bei Marx, am Ende sogar die Freiheit. Und das ist natürlich tragisch, denn das allermeiste, was es für uns Menschen braucht, muss nicht erst hergestellt werden. Es ist schon da, es will einfach nur wahrgenommen werden.

Wenn also Marx neuerlich wieder aus dem Bücherregal gezogen wird um die neoliberale Ideologie zu kritisieren – ich bin da sehr skeptisch. Denn tatsächlich scheint er mir eher einer der Stifter jener fatalen Angewohnheit, hinter ökonomischen Modellen die Realität nicht mehr sehen zu können.

06/09/16
Worte:

Es gibt kein einziges Wort, das wir mit Vernunft nutzen können, wenn wir nicht ein Gefühl für seine Bedeutung haben. Bedeutung heißt: Das in der Welt, worauf die Worte deuten.

04/09/16
Flow:

Das Gefühl, wenn alles gelingt. Nicht ich bestimme und drücke der Welt etwas auf, nicht die Welt bestimmt und drückt mir etwas auf. Und trotzdem ist da ein intensiver Kontakt. Die Welt und ich, wir spielen miteinander wie Katzen. Wir sind im Flow.

04/09/16
Rausch:

Eine Tür öffnet sich in uns und eine unbändige Kraft tritt hervor. Im Rausch erleben wir unsere Lebendigkeit in aller Maßlosigkeit. Vor dieser Maßlosigkeit müssen wir uns schützen, sie verschlingt alles. Das Feste und Beständige brauchen wir Menschen genau dafür, um nicht verschlungen zu werden von uns selbst. Es kann uns einen Sockel geben, eine Bühne. Und auf dieser feiern wir den Rausch.

04/09/16
Ekstase:

Etwas ergreift Besitz von uns. Wir geben uns ab an eine äussere Ordnung und fügen uns dieser ganz ein. Aber von sich aus ist dieses Äussere leer. Es ist nur die Struktur selbst, aber hinter der Struktur steht keine eigene Lebendigkeit, mit der sich in einen Dialog gehen ließe.

Nachts um vier in einer Bar, nachdem alles gesagt wurde kollabieren zwei Freunde auf ihren Stühlen und sinken ineinander, der Barkeeper legt Pink Floyd auf. Das ist Ekstase. Das scheppernde Becken und die unmotivierte Gitarre – alles egal. Einfach die glatte Fläche, auf der es sich gleiten lässt, die schockt.

04/09/16
Fotografie:

Unsere eigene Lebendigkeit, die jeder Bilderzeugung zugrunde liegt, tritt immer mehr in den Hintergrund. Ich kenne den Rausch gut, den ein Fotoapparat in meiner Hand auslösen kann. Hinterher war ich von dem Ergebnis oft enttäuscht. Das mag einfach nur etwas über mein fotografisches Talent aussagen, aber ich glaube schon: Je mehr und je bunter wir uns die Welt mit Bildern von der selben zupflastern, desto mehr machen wir eine Nekropole aus ihr.

04/09/16
Bildersturm:

Da muss man scharf unterscheiden. Die meisten Bilderstürmer wollen ja gar nicht Bilder an sich aus der Welt schaffen, sondern nur bestimmte Bilder. Und gerade der Bildersturm – zum Beispiel das Zerschlagen der Skulpturen von Palmyra – produziert dann ganz bewusst neue Bilder.

Aber bei den wenigen echten Bilderstürmern geht es wohl darum: In Bildern werden wir eingefangen von einer scheinbaren Wirklichkeit, die es gar nicht gibt. Etwas zwingt sich uns auf. Für jemandem, dem an Freiheit gelegen ist, können Bilder ein echtes Problem sein. (Nur helfen Verbote reichlich wenig, Freiheit zu sichern.)

04/09/16
Bild:

Gibt es gar nicht. Bilder sind immer Einbildungen von etwas, das es nicht gibt. Tatsächlich sind da immer nur Spuren auf irgend einer Form von Fläche, aber diese Spuren haben die besondere Eigenschaft, sich so zu verdichten, dass ihre Realität in den Hintergrund tritt und sie sich zu einer Ekstase verdichten. Bilder sind eine Ekstase, in der uns ein Nicht-Seiendes ein Sein „aufdrückt“. Auf-Drücken meint hier das selbe wie Ein-Bilden, nur aus der anderen Richtung beschrieben.

04/09/16
Spur:

Das sichtbar Verbleibende von Handlungen, die es nicht primär darauf absehen, etwas Bleibendes zu schaffen. Der Fussabdruck im Sand ist das einfachste Beispiel. Spuren sprechen zu uns, indem wir selbst die Lebendigkeit der Handlung, die zu ihr führte, kennen und neu aktivieren können, wenn wir die Spur „lesen“.

03/09/16
Identität:

Für menschliche Belange ein ganz gefährlicher Begriff. Identität ist ein Begriff der Mathematik, der eigentlich nur Sinn macht für axiomatische Systeme, in denen Objekte abstrakte Entitäten sind, die durch spezifische und distinkte Eigenschaften definiert werden. Wenn dort zwei Objekte die selben Eigenschaften haben, dann sind sie identisch. In menschlichen Belangen gibt es so etwas natürlich gar nicht. Wir sind lebendige Wesen und so sind die Eigenschaften, die jeden von uns ausmachen, immer unendlich viele. Und deswegen ist es so gefährlich, wenn wir in menschlichen Belangen von Identität sprechen. Denn „gleiche“ Eigenschaften bei Menschen zu finden gelingt fast immer nur dadurch, von sich selbst wegzuschauen und jemanden Dritten dazu zu verdonnern, eine negative Eigenschaft zu haben, gegen die man sich abgrenzen kann. Was dann aber die eigentliche gemeinsame Eigenschaft ist, bleibt leer. In menschlichen Belangen ist das Gerede von Identität immer ein Blame-Game, um sich nicht mit sich selbst beschäftigen zu müssen.

01/09/16
Berlin:

Ort der Freiheit. Allerdings: eine schizophrene Freiheit.

Nach kurzem Vorlauf entsteht Berlin im 19. Jahrhundert als Hauptstadt der „verspäteten Nation“ Deutschland. Ein Parvenü auf dem Parkett der Weltstädte. Doch gerade diese Unverfasstheit öffnet die Räume, in denen sich die Freiheit einnistet. „Berliner Luft“ sagten sie in den 20ern dazu. Wir kennen das nur noch als Schlagertitel, aber damit war die Freiheit der einfachen Leute gemeint, sich nichts vormachen zu lassen und ihren eigenen Verstand zu nutzen. Das gibt es heute auch in Berlin kaum noch.

Die Freiheit, die wir heute hier kennen, ist einfach die Freiheit der unglaublichen Leere mitten in der Stadt. Diese Freiheit, deren dunkle Schwester die Depression ist, hat Berlin zur Welthauptstadt der Boheme gemacht. Aber just in dem Moment, da die über die Welt verstreute Boheme den Ruf verstanden hat, dass sie eine Hauptstadt hat, verschwindet diese Leere mehr und mehr. Und mit ihr die Freiheit, diesmal vielleicht für immer.

Denn eines kennen wir hier gar nicht: Tradition, d.h. ein Wissen darum, wie man etwas durch die Zeitenläufte hindurch erhält. Tradition ist in Berlin immer das vorgaukelnde Benehmen des Parvenüs. Und als Tradition vorzugaukeln versucht er – der Parvenü Berlin in seinem neuen Kostüm aus Beton – das „Staatstragende“, also das, was in diesem obrigkeitshörigen Land gerade als das Gegenteil von Freiheit verstanden wird.

28/08/16
Walter Benjamin:

Fast schon zu meinem persönlichen Mythos ist die ‚Berliner Kindheit um 1900‘ geworden. Benjamins aus der Not der Katastrophe geborener Trick, die Erinnerung an die Imaginationskraft der eigenen Kindheit absichtsvoll zu verwechseln mit der Erinnerung an den Ursprung unserer Kultur, darin liegt eine ungeheuerliche Kraft: Es ist der Schlüssel zum Wissen der Welt.

Oft bin ich durch den Tiergarten gelaufen auf der Suche nach dem Nemäischen Löwen und der Hydra, die das Kind um 1900 dort beheimatet wusste. Und das südliche Licht, in dem ihm die Schiffer die Äpfel der Hesperiden den Landwehrkanal hochschifften, es erleuchtet auch meine Strasse – hier und heute, weiter nördlich im Wedding – und öffnet ihren Horizont in die Wärme der Unendlichkeit.

27/08/16
Bedürfnis:

In dem Moment, wenn wir ein Bedürfnis fühlen, ist schon etwas schief gegangen. Was natürlich erst mal auch nicht weiter tragisch ist, nur der Hinweis ist schon wichtig. Denn unsere ganze Ökonomie baut darauf auf, unsere Bedürfnisse zu befriedigen (und fast unsere ganze Welt baut inzwischen darauf auf, der Ökonomie zu dienen) und so müssen wir inzwischen die ganze Zeit bedürftig sein.

Aber all das, was ich brauche, um zu leben und zu überleben, ich muss es nicht erst als Mangel spüren, um es bekommen zu können. Versorgung kann fast selbstverständlich passieren: Bevor ich drängenden Hunger fühle, fühle ich Lust, Essen zu besorgen.

Früher hat uns das Schicksal manchmal Widerstände in diese Lust reingespielt (in Form von Dürreperioden, etc.), genau dagegen hat sich die moderne Ökonomie ab dem 18. Jahrhundert ja entwickelt. Und so leben wir längst in einer überversorgten Gesellschaft, nur um uns jetzt selbst gegenseitig die Lust an der spielerischen Versorgung zu verstellen.

27/08/16
Freiheit:

Ein Gefühl, wie in Honig zu schwimmen.

Der Unterschied zwischen Innen und Aussen existiert noch, aber beide sind von der gleichen Konsistenz und die Grenze zwischen ihnen wird sehr durchlässig.

Es existiert noch die Schwerkraft, aber sie ist mehr eine Empfehlung, sie zwingt mich nicht mehr nach unten. Sie ist nur der Orientierungshinweis, wo unten ist.

Das Licht dringt schillernd durch die Honigmasse, es gibt hellere und dunklere Stellen, aber nicht mehr die harte Unterscheidung zwischen Licht und Schatten: Alles ist im Licht.

Den anderen Menschen begegne ich selbstverständlich, ich muss nicht erst „Hallo“ sagen, um eine Verbindung zu eröffnen. In einer einfachen Berührung erfahre ich die Informationen für eine ganze, neue Welt.

23/08/16
Spiegel:

Im Spiegel sehe ich mich als Idee, die ich nie erreichen kann. Wer gibt mir Gewissheit, ob ich das wirklich bin? Wenn der Spiegel zerbricht, bin ich frei. (für Sophie Hunger)

23/08/16
Where is the stable point:

Unsere Welt – also unsere Welt, nicht die Welt derer, die draussen an unseren Zäunen kratzen – löst sich immer mehr auf in einer Kaskade von inszenierter Lust. Hedonismus als Wettkampf, das Internet mit seiner Bilderflut als Arena. Jeder sucht nach Verbindung mit allem und gibt um so mehr Versprechen von sich, als er befürchtet, eines einlösen zu müssen. Wir verdecken unser Elend hinter Bildern von Ekstase und fühlen sie dann wirklich. Die große sexuelle Kraft der Kreativität haben wir uns nutzbar gemacht. IKEA verkauft sie als Zimmerpflanze. Wir versammeln uns um sie und hoffen auf Erfüllung. Nach wie vor brennt das Feuer in uns, wir leiden und sind bereit, alles zu tun, damit der Same auf uns übergeht. Wir haben vergessen, dass es darum nicht geht.

20/08/16
Weinen:

Ein Beben im Herzen. Oder besser: ein Beben im Körper mit dem Herzen als Epizentrum.

Manchmal sind dabei die seismischen Kräfte in uns so stark, dass der Körper steif werden muss um das bebende Herz abzublocken. Dieses Gefühl nennen wir das „Grauen“.

Wenn wir aber die Kräfte frei geben können, die sich da frei machen wollen, dann kann Weinen wie ein tief ergreifendes Schütteln sein. Ein Zurechtschütteln, durch das alles in uns wieder in Verbindung gesetzt und an seinen natürlichen Ort zurück gebracht wird.

20/08/16
Denken:

Das Fühlen mit dem Kopf begleiten. Auch der Kopf ist ein fühlendes Organ, er unterscheidet sich von den anderen Organen nur darin, das er für das Fühlen Worte finden kann. In dem kontinuierlichen, nie endenden Gespräch aller Organe miteinander ist der Kopf der Schriftführer.

18/08/16
Kinder:

Bei den Griechen hießen die Kinder schlicht ‚Die Neuen‘. Am Anfang wissen sie nichts von der Welt, in der wir sie empfangen. In ihrem Wesen sind noch alle Möglichkeiten enthalten. Der Klang ihrer Stimmen kündet uns von diesem Urgrund, auf dem alles gründet: Sie sind die Neuen, sie kennen das Alte. Sie kommen von dort.

17/08/16
Chauvinismus:

Ich habe nie verstanden, wie man zwischen Patriotismus und Chauvinismus sinnvoll unterscheiden können soll. Patriotisch kann ich nur mit einer Gruppe sein, mit der ich tatsächlich verbunden bin, als Sportler mit meinem Verein, als Schüler mit meiner Klasse, usw. Sobald Patriotismus aber einem ganzen Volk gelten soll, ist es schon Chauvinismus. Denn was ein Volk ist, wissen wir doch gar nicht mehr, wir definieren es nur noch durch Abgrenzung von „anderen Völkern“ – und das heißt durch Entwertung. Wenn das Volk eine politische Kategorie sein soll, gelingt die eigene Identifikation mit ihm nur durch Überhebung gegenüber Anderen.

17/08/16
Volk:

Dass es ganz selbstverständlich Menschen gibt, die mir ähnlich sind, mit denen ich Verhalten und Sitte teile, dass es also eine Verbundenheit gibt, die in abgeschwächter Weise heute noch diejenigen kennen, die von Geburt her Dialekt sprechen, mir scheint dass diese Selbstverständlichkeit verloren gegangen ist gerade in dem Moment, als aus dem Volk die Nation wurde. D.h. als aus dieser natürlichen Verbundenheit eine politische Organisationsform erwachsen sollte. Wenn das Volk „alles“ sein soll, dann ist es ziemlich schnell gar nichts mehr und der Begriff wird wertlos.

Und so sind wir heute irgendwie alle Paria geworden. Vielleicht ist es deshalb, warum ich persönlich eine so tiefe Verbundenheit gerade mit den Menschen spüre, die in unserer Zeit der modernen Verwaltungsstaaten die neuen echten Paria sind: die Staatenlosen.

17/08/16
Nation:

Dass es eine Einheit von Volk und Territorium gäbe, aus der sich sozusagen organisch die Form eines demokratischen Staates ergeben würde, war eigentlich fast immer eine Fiktion. Das Vorbild dafür sind natürlich die antiken Stadtstaaten, aber für die Flächenstaaten der Neuzeit hinkt die Idee doch gewaltig.

Vielleicht lag diese Einheit nur in dem einen Moment vor, in dem die Nation moderner Prägung geboren wurde: Im Frankreich nach der französischen Revolution. Aber wahrscheinlich existierte selbst dort diese Einheit nur in der Perspektive einer noch von absolutistischem Denken geprägten Elite, die sich in einer (Haupt-)Stadt versammelt vorfand.

15/08/16
Ideale:

Wenn ich der Welt Ideale entgegenstelle, dann wird der Wille eigentlich erst diese monströse Kraft, die alles durchdringen muss. Denn Ideale funktionieren ja nur, wenn man sie auch will. So wie der Tischler einen Tisch wollen muss, um aus einem Baumstamm einen Tisch zu machen.

Ich für meinen Teil bin eigentlich ganz zufrieden mit der Welt, wie sie ist. Was nicht heißt, dass ich blind für das immense Unheil bin, dass wir uns in der Welt gegenseitig antun. Ich glaube nur, dass das nicht an der Welt selbst liegt und dass wir kaum mit Idealen, wie die Welt anders sein sollte, dahin kommen können, etwas anständiger miteinander umzugehen. Im Gegenteil, wenn wir unseren Idealen nachjagen, dann sind wir so im Stress des Wollens gefangen, dass wir gerade für diese Frage kaum Zeit haben.

14/08/16
Solidarität & Liebe:

Sind sich ähnlich und sind es doch gar nicht. In beiden geht es um so etwas wie die Bindung zu anderen Menschen. Aber doch in entgegengesetzter Art und Weise: Wirklich lieben kann ich nie eine große Gruppe von Menschen, solidarisch kann ich prinzipiell mit allen Menschen sein, mit denen ich gemeinsam in dieser Welt lebe.

Denn in der Liebe sind wir nicht frei, ich suche mir nicht aus, wen ich liebe. Es passiert. Nicht ich bin frei, die Liebe ist es: Amor schießt seine Pfeile sehr eigenwillig.

In der Solidarität ist es genau umgekehrt. Hier entscheiden wir, ob und mit wem wir solidarisch sind, in der Weise, wie wir entscheiden, wie unsere Welt aussehen soll.

Der Liebe dienen wir, damit sich ihre Freiheit erfüllen kann. Solidarisch sind wir miteinander, um einen gemeinsamen Raum zu sichern, in dem wir frei sind.

13/08/16
Ich & Wir:

Als ‚Ich‘ bin ich Gast in der Welt, als ‚Wir‘ sind wir die Welt. Als ‚Wir‘ sind wir Gastgeber für uns als einzelne Gäste.

13/08/16
Gnade:

Manchmal habe ich dieses Gefühl, nur zu Besuch hier zu sein. Hier auf der Welt & hier in meinem Leben. Besuch heißt: Ich halte mich hier auf, aber mir gehört hier nichts. Ich bin angewiesen auf Gastfreundschaft. Und ich empfange sie, indem ich verstehe, ein Gast zu sein.

In diesem Gefühl, Gastfreundschaft zu empfangen, liegt eine Gnade und diese Gnade, das ist der Glanz der Welt, das ist, was es so schön macht, hier zu sein.

09/08/16
Schraube:

Dieser Text, um das ganze Projekt hier mal so zu nennen, ist so was von unklar in seiner Form. Das heißt, er hat schon eine Form: Sobald ich in meinem täglichen Denkprozess einen Begriff finde, von dem ich glaube, dass an ihm etwas dran ist, schreibe ich ihn auf und versuche, das was ich da spüre, das „dran“ ist, in einen kurzen Gedanken zu fassen, irgendwas zwischen Aphorismus und Kürzest-Essay.

Aber für wen mache ich das? Nicht nur sind meine Gedanken hier dann völlig aus dem Kontext meines Denkens gerissen, auch adressiere ich sie an kein bestimmtes Publikum, noch nicht mal an so etwas wie einen Diskurs. Ist das hier Literatur, Philosophie, politische Debatte? Keine Ahnung… D.h., insofern Dinge eine Form dadurch haben, dass sie nicht nur gemacht, sondern auch gesehen werden, ist dieser Text hier wirklich ziemlich formlos.

Aber ein klares Bild habe ich doch: Wenn man so gestrickt ist wie ich, auf etablierte Bahnen verzichten zu wollen und sich nicht eine Stelle vorbohren will, an der man die Schraube ins dicke Brett drehen kann, dann muss man die Schraube halt direkt ansetzen und je nach Holz dauert es dann, bis man Griff bekommt. Oder man bekommt ihn gar nicht. Oder man findet eine Ader im Holz und die Schraube dreht sich wie von alleine tief hinein. Ich bin gerade beim Ansetzen der Schraube.

09/08/16
Alter Ego:

Der tote Winkel in mir. All die vielen Gestalten, die das Selbst in sich trägt, sind wie Strömungen im Wasser. Ein paar kommen an die Oberfläche und werden zu Wellen, sichtbar für die Welt und für mich. Es sind aber vor allen Dingen die Strömungen unter Wasser, die mich in Bewegung halten. Und ein paar von ihnen liegen immer hinter mir: Viele Gestalten, die sich zu einer Gestalt verdichten. Ein Freund, der mir fast auf der Schulter sitzt und doch nie sein Gesicht zeigt. Drehe ich mich um, ist er verschwunden.

07/08/16
Politikwissenschaft:

Dass Politik dort, wo es wirklich um gemeinsames Handeln geht und nicht bloß um effektives Verwalten, wenig mit Wissenschaft zu hat, kann man ganz gut an der fast vollständigen Blindheit erkennen, die die Politikwissenschaft gegenüber den Rätedemokratien hat. Sie haben schlicht keinen Begriff für das, was diese Form der spontan sich organisierenden Regierung ist. Begriffe fassen die Realität von oben, Räte entstehen von unten.

07/08/16
Räte:

1848, 1871, 1905, 1917, 1918, 1956. Die Räte sind eine historische Tatsache. Sie sind genau so alt wie die Parteien und sie antworten auf das selbe Problem: Wie kann eine Regierung organisiert sein, die vom Volk ausgeht? Die Räte bilden sich wirklich aus dem Volk, egal, wer das im Einzelnen ist: Es gab Arbeiterräte, Bauernräte, Nachbarschaftsräte, Studentenräte, etc. Die Parteien versuchen, das Volk abzubilden, aber in der Politik sind Bilder immer Fakes. In den Parteien lebt die alte aristokratische Überzeugung fort, dass die Beteiligung des Volkes an der Regierung doch ein absurder Gedanke sei.

06/08/16
Design:

Ein Kunstwerk zielt immer auf die Öffentlichkeit, darauf, dass etwas für alle sichtbar wird. Deswegen kann ich ein Kunstwerk auch nie für mich alleine besitzen, ich kann nur daran teilnehmen. Genau das markiert den Unterschied zu Design.

06/08/16
Das Nichts:

Es gibt diesen komischen Hang in der modernen Philosophie, beweisen zu müssen, dass Etwas sei und nicht Nichts. Was ist da passiert? Welche Handlungen haben zu der Annahme geführt, dass das Nichts das sei, was ohne Beweis vorliegt? Welche Entwertung, welche Ausgrenzung hat da stattgefunden? Jedes Kind, wenn es anfängt die Welt zu entdecken, entdeckt eine unendliche Fülle.

06/08/16
Sprache:

In der Sprache liegt alle Macht der Welt, genau in dem Sinne, dass Sprache mächtiger ist als Gewalt. Neulich habe ich wieder ein wunderbares Beispiel dafür gefunden:

Peter Nadas schreibt in seinen Erinnerungen an den ersten Tag der ungarischen Revolution, wie eine russische Panzerkolonne versucht, die Menschenmenge zu vertreiben. Als die Leute sich nicht vertreiben lassen, öffnet der Kommandant seine Luke und fordert sie auf, zu verschwinden, er befreie die Stadt von faschistischen Banden. Sie rufen ihm auf ungarisch und russisch zu, „Schau uns an, wir sind Arbeiter, Beamte, Wissenschaftler…“ Was bleibt dem Kommandanten übrig? Er kann nur noch etwas in der Art von „Mist, dann haben sie uns belogen“ rufen und schon sind die ersten Menschen auf den Panzer geklettert und schmücken ihn mit ungarischen Fahnen. Der Kommandant und seine Soldaten lasen es geschehen – die Worte sind entwaffnend. Plötzlich kommt aus der anderen Richtung ein zweiter Panzerkonvoi. Auf ihnen wehen schon die ungarischen Fahnen…

Das heißt, nur wenn von Anfang an die Sprache überhaupt verweigert wird, kann Gewalt obsiegen. Nur wenn der Kommandant seine Luke erst gar nicht öffnet, kann er dabei bleiben, die ungarischen Bürger mit Gewalt an ihrer Macht zu hindern. Aber dann muss er wirklich tausende von unbewaffneten Menschen morden (was technisch möglich wäre, genau dafür sind Panzer gebaut). Sobald aber beide Seiten miteinander sprechen – d.h. ihr Handeln benennen – kann kaum noch geschossen werden.

05/08/16
Hannah Arendt:

„There are no dangerous thoughts for the simple reason that thinking itself is such a dangerous enterprise. … I think, non-thinking is even more dangerous."

05/08/16
Moral:

Auch die Nazis hatten eine Moral, eine mörderische Moral. Hätte der einzelne SS-Mann angefangen, selber zu denken, wäre ihm ja aufgefallen, welche Verbrechen er begeht. Gerade um das Denken zu verhindern, brauchten die Nazis Kodizes, die das Handeln vorgeben. Und nichts anderes ist Moral. Um zu wissen, ob eine Moral gut oder schlecht ist, müssen wir immer selber denken. Wenn wir aber selber denken, brauchen wir keine Moral.

05/08/16
Werte:

Sind so etwas wie Wertschätzungen: Parkett oder Laminat, und dem Dritten ist der Boden der Bude egal. Werte sind die persönlichen Vorlieben, mit denen wir uns in der Welt ein Zuhause geben können.

Aber sogar Bourdieu, dessen ganzes Werk aus dem Kartographieren solcher Werte besteht, hat mehrfach darauf hingewiesen, dass aus diesen sozialen Klassifizierungen keine politischen Klassen folgen. In der Politik verhindert die Orientierung an Werten gerade das eigentlich Politische: Gemeinsames Handeln, unabhängig von Werten.

05/08/16
Parteiprogramme:

Sind wie DIN-Normen. Sie zerstückeln die Welt in leere Formeln und heraus kommen lieblose Kompromisse.

04/08/16
Moral:

Ich kann mir keine Moral leisten. Ich fühle mich viel zu dicht dran an der Welt um mich auf diese Position zurückziehen zu können, von der aus es sich schön urteilen lässt. Wer Moral hat, hat die Welt verloren.

02/08/16
Kunst machen:

Dem Drang des Alltags widerstehen. Alles andere kommt von alleine.

29/07/16
Wille:

Ich kann nicht meinen Willen wollen, sagt Schopenhauer. Mir gefällt der Satz, gerade weil er mir einen ganz unschopenhauerischen Gedanken bringt: Ich kann meinen Willen nicht wollen wie ich z.B. auch Entzückung nicht wollen kann. Der Wille ist einfach eine Emotion von vielen, es ist die Emotion, in der wir auf die Welt einzuwirken versuchen. Aber es gibt viele andere Emotionen, deren Sinn gerade darin liegt, die Welt so zu nehmen, wie sie ist. Und welche Emotion gerade den Wind bläst, das ist eben keine Frage des Willens.

28/07/16
Ozean:

Manchmal habe ich das Gefühl, wir Menschen sind in all unserer Verschiedenheit doch eigentlich wie ein einziges Wesen. Eine unendlich komplexe, aber zusammenhängende Masse, einmal den Globus umhüllend wie der Ozean.

Die Unterscheidung zwischen Ich und Du ist einfach irgendwann zwischen uns gekommen und plötzlich so stark geworden, dass wir tatsächlich in 7 Milliarden Einzelteile zerfallen sind. Das war erst gerade eben, wir sind noch voll im Schock. Wie das Neugeborene direkt nach der Geburt, das sich am ehesten wieder beruhigt, wenn es die Haut der Mutter spürt.

Und so lange unsere Forscher noch nicht abgeschafft haben, dass ein neuer Mensch dadurch unter uns kommt, dass zwei von uns für einen kurzen Moment wieder eins werden, so lange kennen wir noch das Gefühl unserer allumfassenden Verbundenheit.

28/07/16
Regen:

Ich habe nie zu denen gehört, für die das Leben in der Stadt eine funktionale Entscheidung ist, weil man hier mehr Möglichkeiten hat als anderswo. Das auch, aber für mich ist die Stadt zu erst ein Gefühl:

Wenn es Nachts regnet, dann wird alles Eins. Die Menschen, das Licht, der Lärm und der Asphalt, die sich langsam wiegenden Bäume und die schnell fahrenden Autos, das Blaulicht des Rettungswagens und die gelben Lichter der Fassaden… Sie alle gehen auf im Regen, als wäre die ganze Stadt ein einziger, schillernder Kristall.

26/07/16
Hubble:

Wenn wir in Fernen schauen, die wir als Menschen niemals selbst erreichen werden, dann ist es, als schauten wir in uns selbst. Aus ewiger Weite kommen wir, in ewige Weite werden wir gehen.

26/07/16
Mythos:

Der Urgrund, aus dem wir erwachsen sind. Religion, Geschichte, Wissenschaft, Technik oder Politik, sie alle liegen über dem Mythos, aber der Mythos ist noch immer da und wir können in uns noch die Gewissheit finden, dass alles lebendig ist.

Im Mythos lebt Gefühl in allem, aber es ist ein Gefühl. Das eine Gefühl, das vor den vielen Gefühlen liegt und das wir Menschen noch kennen, wenn wir von Liebe sprechen.

21/07/16
Neoliberalismus:

Die Atomisierung der Welt in zig Milliarden Einzelteile. Jedes Teil versucht ein Vorteil zu sein: Ein Teil vor den anderen Teilen.

21/07/16
Ornament:

Sicherheit durch Hingabe. Wenn wir die Dinge schmücken, durch die wir Struktur in der Welt haben, sagen wir, das soll bleiben, darauf wollen wir uns verlassen.

20/07/16
Künstler:

Torwächter zur Einsamkeit.

20/07/16
Solitude:

Das Grausame am Alleine-Sein ist ja gerade, dass man so selten wirklich alleine ist. All die Stimmen der Welt hallen nach und bekommen ein erdrückendes Gewicht. Wirkliche Einsamkeit kommt als Geschenk zu uns. Im dunkel-weißen Glanz ihrer eigensinnigen Gestalt wird alles klar und einfach. (für Suzanne Vega)

19/07/16
Authentizität:

Ein Ereignis. D.h. Authentizität stellt sich ein oder nicht, aber wir können sie nicht her-stellen. Doch es gibt zwei einfache Prinzipien, deren gemeinsame Anwendung ihr eine sehr charmante Einladung macht: Offener Umgang mit Diversität und Solidarität. Wenn wir die Unterschiede zwischen uns offen benennen und gleichzeitig wissen, dass diese Unterschiede uns nicht auseinander bringen werden, dann kann alles erscheinen, wie es ist.

19/07/16
Bullshit:

Wenn wir der Tatsache, dass uns zu vielen Dingen nichts einfällt, so begegnen könnten, dass wir dann auch nichts dazu sagen, dann gäbe es keinen Bullshit in der Welt.

15/07/16
Mitleid:

Mitleid kann ich dieses mal nicht (mehr) empfinden. Nicht, weil ich kalt geworden bin. Sondern, weil es nirgends hinführt. Wenn ich sehe, wie unter der Nachrichtenflut aus Nizza mal wieder eine Meldung verschwindet wie die, dass im Mittelmeer dieses Jahr schon wieder mindestens 3.000 Menschen ertrunken sind, wie soll ich denn da Mitleid haben, wenn wir unsere Aufmerksamkeit so ungerecht verteilen? Überhaupt hilft Mitleid in der Politik nicht, Solidarität schon. Solidarität und die Einsicht, dass Orient und Okzident keine getrennten Welten sind, darum geht es.

13/07/16
Öffentliche Meinung:

Man muss der populären Meinung nicht zustimmen, um Teil von ihr zu sein. (Gegenwärtig ist es wahrscheinlich sogar eine Minderheit, die wirklich mehr oder weniger an die Lehrsätze des Neoliberalismus glaubt.) Es reicht schon, einfach nur „gegen“ die öffentliche Meinung zu sein, um sie mitzutragen.

13/07/16
Schubert:

Ich kenne keine Musik, die mit solch simplen Mitteln solche Fülle schafft. Schon im Klang einer einzigen Oktave öffnet sich das Tor zu einer ganzen Welt. Licht fällt ein und wir empfangen eine kostbare Botschaft: Glück und Unglück sind nicht sehr verschieden.

06/07/16
Soziale Plastik:

So sehr ich Beuys als Künstler mag und schätze: Wenn die Strukturen, in denen unser Zusammenleben stattfindet, und unser Zusammenleben selbst identisch sein sollen, dann fällt im Wortsinne beides zusammen. Freiheit braucht Strukturen, auf die wir uns verlassen können. Wenn die Strukturen korrupt sind und nur einer Elite dienen, dann müssen wir sie ändern. Aber nicht auflösen.

05/07/16
Realwirtschaft:

Fast zynisch werde ich, wenn dieser Unterschied gemacht wird zwischen Real- und Finanzwirtschaft. Als ob irgendwas an den Gütern der sogenannten Realwirtschaft real wäre! Das allermeiste ist doch völlig sinnloser Quatsch, reine Luftgeburten aus keinem anderen Grund, um immer mehr Wachstum zu erzeugen. Und finanziert werden diese Luftgeburten eben aus den immensen Summen der Finanzwirtschaft, die darauf spekuliert, welche der vielen Luftgeburten die nächste Massenhysterie auslöst.

05/07/16
Industrie:

Die Industrie entsteht mit der „Entdeckung“ der Arbeitsteilung. Jeder wird Spezialist für irgendwas, keiner weiß mehr, was wirklich hinten rauskommt. Denn so etwas, wie ein wirkliches Endprodukt, mit dem man dann zufrieden ist und seine Arbeit getan hat, gibt es nicht mehr. Alles sind nur noch Zwischenschritte in einer endlosen Produktions- und Konsumkette. Das heißt auch: Keiner weiß mehr, für welchen Bedarf eigentlich produziert wird, ob es überhaupt noch einen Bedarf gibt. Oder ob wir uns einfach so an den Stress gewöhnt haben, die Maschine am laufen zu halten, dass wir einfach für den Stress weitermachen.

05/07/16
Handwerk:

Dass die Begriffe ‚Werken‘ und ‚Arbeiten‘ historisch sehr verschiedene Bedeutungen hatten, verstehen wir heute kaum noch. Und genau diese Verwischung zeigt, dass es echtes Handwerk kaum noch gibt. Handwerker verbauen heute fertige Produkte und sind im besten Falle so etwas wie angewandte Ingenieure. Oder sie bedienen als „Handarbeiter“ ein Luxussegment, wo es dann aber eher um Design als um Handwerk geht. In beiden Fällen lebt in den Produkten ihrer Tätigkeit nur noch sehr rudimentär das, was ein Werk ausmacht: Die Dauerhaftigkeit des Eigenen.

05/07/16
Architektur:

Einen gemeinsamen Raum schaffen, in dem das Gemeinsame erscheinen kann. Das ist Architektur.

Bis ins 18. Jahrhundert erfüllte diese Aufgabe die Fassade. Sie formte den öffentlichen Raum, indem sie etwas öffnete, die Geschichte. Das Dekor der Fassade erzählte die Geschichte der gemeinsamen Welt und machte so die Zeit sichtbar. Das war die Aufgabe der Architektur und das war wirklich eine künstlerische Tätigkeit. Und alles was hinter der öffentlichen Fassade lag waren eigentlich reine Handwerksaufgaben.

Seit dem 18. Jahrhundert ist es nicht nur so, dass die Architektur sich grundlegend verändert hat, keine Fassade mehr haben will. Viel entscheidender ist, dass uns irgendwie das Wissen abhanden gekommen ist, was das eigentlich ist: Das Gemeinsame.

02/07/16
Fahnen:

Eigentlich schön, wenn Menschen öffentlich Schmuck zeigen. Aber auch ganz schön ecklig, dass das für viele scheinbar nur in Kombination mit dieser Aggressivität möglich ist, wie wir sie alle zwei Jahre zu den großen Turnieren anfachen.

29/06/16
Poesie:

Würden die Poeten die Geschicke der Welt lenken, es käme heraus, dass wir alle Poeten sind.

28/06/16
Augen:

So wie wie wir nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper akustische Resonanzen hören und spüren, so sehen wir auch die Welt um uns nicht nur mit den Augen, sondern mit dem ganzen Körper. Manchmal mache ich mir eine Übung daraus: Ich lasse mein Herz, meinen Bauch oder mein Becken auf eine Sache blicken. Und meine Augen danken es mir sehr, wenn sie mit der Aufgabe des Sehens nicht alleine gelassen werden.

28/06/16
Sehen:

Mit einer Sache in Verbindung treten, um zu erfahren, was es ist.

26/06/16
Sicherheit:

Die Verwandlung unseres Staatsapparates in einen Sicherheitsapparat schafft vor allen Dingen eine zerteilte Welt, in der man – mit Sicherheit – gar nicht mehr weiß, wovor man sich eigentlich schützt.

25/06/16
AfD:

Wie so ein Juckreiz, den erst das ständige Kratzen schlimm macht. Und durch das Kratzen hält man sich davon ab, sich um die eigentliche Ursache zu kümmern: Dass wir in unserem realen politischen Betrieb keine echten Alternativen mehr verhandeln, egal worin diese im einzelnen bestehen könnten. Es gibt nur noch den einen, „alternativlosen“ Mainstream. Und das macht all diese Fake-Alternativen so interessant, die ihre Aufmerksamkeit ja aus der Mitte bekommen: Jeder Furz eines AfD-Politikers schafft es in die Schlagzeilen und bekommt eine Aufmerksamkeit, von der jeder echte Oppositionspolitiker nur träumen kann. Wir beschäftigen uns ganz gerne mit der AfD, sie lenkt uns davon ab, wie planlos wir (geworden) sind.

25/06/16
Hartz IV:

Egal, worin man die Ursachen von und den besten Umgang mit Massenarbeitslosigkeit sieht, Hartz IV war auf jeden Fall eine sehr unsolidarische Art und Weise, damit umzugehen. Vor allen Dingen aber hat die SPD sich damit ihrer eigenen Basis entledigt, die sie mal repräsentiert hat. Und seitdem herrscht in diesem Land wirklich so etwas wie eine Ein-Parteien-Diktatur. Denn egal wofür die beiden großen Volksparteien (als es eben noch zwei waren) im einzelnen standen, mit ihnen gab es immer eine politisch sowohl realistische als auch prinzipiell mehrheitsfähige Alternative. Und das hat immer für ein Spektrum gesorgt, in dem man verhandeln konnte, egal wie und ob man sich selbst in diesem Spektrum repräsentiert gefühlt hat oder nicht. Das ist weg.

25/06/16
Solidarität:

Wenn ich Verantwortung für das Gemeinsame übernehme, dann übernehme ich Verantwortung für mich selbst. Dass wir in unsolidarischen Zeiten leben, liegt wohl vor allen Dingen daran, dass sich alle so uneinig sind, was überhaupt das Gemeinsame ist.

25/06/16
Mangel:

Ich glaube, den einzigen Mangel, den es wirklich gibt, ist ein Mangel an Solidarität. Denn wenn wir uns auf die Solidarität der Menschen um uns verlassen können, woran soll es uns denn dann je mangeln können?

24/06/16
EU:

Gar nicht unwahrscheinlich ist ja, dass es am Ende gar nicht zu dem nun beschlossenem Austritt Großbritannien's aus der EU kommt. Die Brüssler Bürokratie wird alles tun, den reinen Status Quo zu erhalten (das ist ihre ganze ‚raison d’être‘, etwas anders können sie gar nicht) und bereit sein, ganz schmierige Deals nach Sonderreglungen mit der britischen Regierung zu machen, die dann noch mal ein Referendum in ein oder zwei Jahren aufsetzen wird, bei dem dann aus Angst und aus reinem Überdruss daran, doch nichts verändern zu können, ein „remain“ herauskommt. Die Zukunft ist immer offen, aber für unwahrscheinlich halte ich dieses Szenario nicht.

Denn so ist die EU: Alle erpressen sich gegenseitig und die Tragik unseres Kontinents ist, dass diese permanente, schmierige Selbsterniedrigung immer noch besser ist als ein tatsächliches Zerfallen der Union. Denn dann würden ganz andere Katastrophen wiederkommen, die zu überwinden ja einmal der Gründungsimpuls der Europäischen Gemeinschaft war.

24/06/16
Brexit:

Das absurde ist ja, dass ein Ausstieg aus der EU, so wie ihn sich viele Briten bei ihrer Stimmabgabe vorgestellt haben dürften, eh nicht zur Abstimmung stand. Aus einem Vollmitglied wird jetzt (wahrscheinlich) ein Quasi-Mitglied durch bilaterale Verträge (wie Norwegen oder die Schweiz). Das heißt, hier wurde doch wieder mal eine Fake-Alternative verhandelt, wodurch die Frage nach den echten Alternativen nur wieder mehr vernebelt wird:

Wollen wir weiter diese Europäische Union, die ohne richtige Verfassung und ohne richtige Gewaltenteilung ihre föderalen Grundprinzipien missachtet und vor allen Dingen eine gut geölte Maschine für die wirtschaftliche Ausbeutung der Peripherie durch das Zentrum ist, die sich Binnenmarkt nennt? Wie gesagt, Teil dieser Maschine werden die Briten eh bleiben. Oder wollen wir uns alle miteinander mal zusammensetzen und gemeinsam überlegen, wie eine echte politische Union aussehen könnte, in der wir die Fragen, die uns auf diesem Kontinent alle gemeinsam betreffen (Finanzkrise, Flüchtlingsströme, etc.), fair und gerecht miteinander regeln können?

21/06/16
Das System:

Wenn wir uns der Einsicht verweigern, dass wir selbst Autor all unserer Handlungen sind, dann entsteht jene unsichtbare Fremdregierung, die wir „das System“ nennen. Das System regiert uns wie ein Despot, aber – weil es ja wir selbst sind – in der Weise, mitten durch uns hindurch zu gehen und uns in zwei Hälften zu teilen. Mit einem Bein und einer Gehirnhälfte stehen wir drin und sind Teil des Systems, mit der anderen Hälfte stehen wir draussen und leiden die Schmerzen, dass eine Teilung durch uns hindurch geht. Wobei: Auch das nur dann, wenn wir uns so gedreht haben, dass unser Herz auf der systemfreien Seite liegt.

21/06/16
Schuld:

Ich weiß, dass dem nicht alle zustimmen können, aber als Kind meiner Generation glaube ich, dass jede Schuld verziehen werden kann. Auch wenn es manchmal eine ganze Lebensspanne dafür braucht.

Schuld zu verzeihen ist wichtig, denn mit Schuld leben wir unfrei. D.h. wir schleppen uns mehr durch die Stationen unserer Biographie als dass wir unseren Weg selber gehen. Noch schlimmer ist nur verdrängte Schuld, d.h. Schuld, von der man nichts wissen will. Dann lebt man in Unfreiheit und weiß es nicht einmal.

21/06/16
Verzeihen:

Verzeihen ist eine politische Tugend, nach Arendt sogar die politische Tugend. Denn nur, wenn ich verzeihen kann, kann ich wirklich frei handeln. Die Dinge, die mir einst verwehrt wurden, die Dinge, die mir angetan wurden, davon loszulassen, heißt wirklich erwachsen zu werden.

20/06/16
Toleranz:

Wenn wir an unseren asymmetrischen Strukturen nichts ändern wollen, deren Konsequenzen aber unüberhörbar an die Tür klopfen, dann versuchen wir es oft mit Toleranz. Deswegen steht Toleranz immer unter Dauerspannung. Denn auf eine wirkliche Beilegung von Konflikten sieht sie es nicht ab, eher auf so etwas wie deren Verschleppung.

20/06/16
Duldung:

Wen ich dulde, den verachte ich. Oder wie Goethe sagt: Dulden heißt beleidigen.

20/06/16
Anerkennung:

Jeder Anerkennung geht eine Missachtung voraus. Wenn also Anerkennung als aktive Leistung eingefordert wird (wie z.B. in jenen „sozialen Kämpfen“, von denen ganz selbstverständlich in linken Debatten so oft die Rede ist), dann wird implizit auch Missachtung eingefordert.

20/06/16
Kunst & Politik:

Das Ganze in den Blick zu bekommen ist immer ein politisches Projekt: Was alle betrifft, kann nur von allen erfasst werden. Mit wenigen Ausnahmen ist dies bislang ein Projekt geblieben, ganz im Gegensatz zu den vielen substituierenden Disziplinen für das Ganze (Religion, Philosophie, etc.). Unter all diesen scheint mir nur die Kunst annähernd auch die zwei Richtungen zu beinhalten, die die Politik kennzeichnen: Nicht nur öffnet die Kunst die Themen, die uns alle betreffen, sie schafft auch einen Raum, dass diese Themen mitten unter uns erscheinen können.

20/06/16
Fliegen:

Wenn Körper und Schwerkraft sich einig sind. Fliegen ist keine Frage der Entfernung vom Boden, sondern das Gefühl, sich wohlig mit der Schwerkraft zu bewegen.

18/06/16
Gefühle:

Die Mechanik unseres Zusammenlebens, d.h. der Welt. Wenn ich sage, dass ich ein Gefühl „habe“, dann meine ich damit nicht, dass ich es besitze, wie ich ein Buch oder eine Meinung besitzen kann, denn von solcher Substanz sind Gefühle nicht. Vielmehr beschreibe ich damit, an welcher Stelle in diesem wunderbar komplexen Gefüge ‚Welt‘ ich mich gerade befinde. Oder anders gesagt: In welcher Gestalt die Welt gerade bei mir vorstellig wird.

18/06/16
Ich:

Wie können wir uns eigentlich so sicher sein, dass „Ich“ zu sagen, immer eine sinnvolle sprachliche Aussage ist? Manchmal kommt mir das wie eine echt waghalsige Hochstapelei vor.

18/06/16
Haut:

Die Haut ist unsere Grenze. Sie markiert den Unterschied zwischen dem, was wir in uns und dem, was wir ausserhalb von uns spüren. Aber sie ist keine Grenze in dem Sinne, wie etwa die Fläche eines Bildes die Grenze zwischen realem & imaginiertem (Bild)Raum ist. Tatsächlich ist sie ja mannigfach gefaltet und folgt unseren Bewegungen in alle Richtungen. Sie ist eher so etwas wie ein schön gewebtes Tuch, das im Wind fliegt und sich immer wieder neu faltet. Und der Wind weht auf beiden Seiten vom Tuch.

18/06/16
Pendel:

Ich schaue in die Welt, wie ich in mich schaue. Und ich kann so weit in die Welt schauen, wie ich in mich schauen kann. Wie ein Pendel, dass symmetrisch in beide Richtungen schwingt.

14/06/16
Realität:

Die Realität ist immer da, aber wir Menschen schweben oft darüber. Als würden wir auf einem Netz gehen, dass wir selbst geflochten haben. Manchmal finden wir große Maschen in dem Netz, dann können wir klar sehen, was ist. Aber manchmal, das ist dann mehr etwas für stille Momente, da ziehen wir die Realität zu uns heran: Die Realität zu spüren ist eine schöpfende Tätigkeit.

12/06/16
Odenwaldschule:

Die Welt wird nicht besser, wenn man ihr einen „anderen“ Ort entgegensetzt. Es ist eine Tragödie, was dann entsteht: Die „falsche“ Welt reproduziert sich im Kleinen nach, nur noch viel enger. Hier gibt es nicht mal mehr Alternativen, denn das hier will man ja selber, sonst wäre man nicht hier.

12/06/16
Staatsräson:

Auch so ein Arendt-Gedanke, der mich kaum loslässt: Jeder Staat und jede Institution, die auf so etwas wie einer ‚Raison d’être‘ gründet, hat das Verbrechen schon zu einer scheinbar legitimen Notwendigkeit gemacht…

Natürlich brauchen wir eine Struktur, um miteinander handeln zu können. Aber sobald diese Struktur ein Selbstzweck wird, wird es in ihr verflucht eng. Und sie fängt an, ihre Mitglieder – die an den Rändern zuerst – über die Klippe springen zu lassen.

11/06/16
Mangel:

Wir leben in Zeiten solch enormen Überflusses und doch ist es, als wäre der Mangel nach wie vor die Triebfeder so vieler Handlungen.

07/06/16
Odenwald:

Die Alpen und dieses Mittelgebirge lösen immer wieder eine unglaubliche Euphorie in mir aus.

Bei den Alpen ist es eine runde Euphorie, eine Kraft, die ganz in der Gegenwart liegt.

Im Odenwald ist es eine ziehende Euphorie, ein Gefühl von dem, was war und dem, was sein wird. Jeder Obstbaum scheint ein Zeuge aus lang vergangener Zeit zu sein. Und jede Biegung des Weges birgt die Verheißung auf einen neuen, köstlichen Moment oder ein kommendes, glückliches Leben, irgendwann, irgendwo, in New York.

07/06/16
Anfangen:

Jedem Anfangen geht ein Loslassen voraus. Und das ist das eigentliche Schwierige daran: Zu erkennen, dass eine Sache ihren ursprünglichen Sinn längst verloren hat und nicht weiter betrieben zu werden braucht. Manchmal dauert diese Einsicht ein ganzes Leben und der neue Anfang findet dann nicht mehr in dieser Welt statt.

07/06/16
Vögel:

Wir Menschen und die Vögel sind gar nicht so verschieden. Auch sie haben Nester, die sie immer wieder aufsuchen und durch die sie mit dem Boden verbunden sind. Und auch wir sind, wenn wir uns bewegen, mal in der Luft, mal am Boden. Nur der Rhythmus ist etwas anders.

07/06/16
Atem:

Urvertrauen in die Welt. Im Rhythmus von Ein- und Ausatmen machen wir uns mit der Welt gemein. Egal, ob wir sie gerade mögen oder nicht. Wir können gar nicht anders.

07/06/16
Puls:

Dass wir einen Herzschlag haben, zeigt, dass es in uns eine Kraft gibt, die lange vor allem liegt, was wir aktiv wollen können.

03/06/16
Sachsen-Anhalt:

Deutschland ist eine Autobahn. Tief brummend schieben sich Mensch & Ware durch grüne Wiesen. Windränder machen Wind.

31/05/16
Kulturindustrie:

Natürlich gibt es eine Kulturindustrie und natürlich sind deren Erzeugnisse oft schauerlich.

Aber erstens: Das ist keine Frage von E oder U. Gerade ‚Ernste Musik‘ mit ihrer Subventionsmaschinerie kann so abgestanden industriehaft sein.

Und zweitens: Wo ist denn das Problem? Kunst existiert doch nie für sich alleine, sie existiert in der Rezeption. Und dem Publikum ist es immer freigestellt, was es wie rezipiert. Wahre Gefühle leben immer da, wo sie als einfache Gefühle wahr-genommen werden.

31/05/16
Kultur:

Das, was übrig bleibt. Das gute alte Beispiel vom Tisch: Der Tisch ermöglicht eine Versammlung von Menschen, indem er ein bestimmtes Nähe-Distanz-Verhältnis zwischen ihnen definiert. Am Tisch können Handlungen stattfinden: ein Gespräch bei einem gemeinsamen Essen, eine Vertragsverhandlung oder eine Gerichtssitzung (beliebige Beispiele, um ein Spektrum aufzumachen). Der Tisch selber handelt nicht, aber ohne ihn wären die Handlungen so nicht möglich. Zum Teil unserer Kultur wird der Tisch erst danach, wenn wir ihn anschauen und sagen: „Oh, ein Tisch“. Die Handlungen finden dann nicht mehr um ihn herum statt, sondern vor ihm.

29/05/16
Sehnsucht:

Sehnsucht ist eine herstellende Kraft. Sie lebt im Herzen (an manchen Tagen ist meines voll von ihr) und schaut sich Gegenstände in der Aussenwelt ab, um sie verfeinert und perfektioniert in ihrem Schutzraum nachzubilden. Hier haben diese Dinge dann eine intensive Realität, die sie in der Realität kaum je haben werden. Die Widersprüchlichkeit dieses Satzes, genau das ist Sehnsucht.

29/05/16
Anti-Autoritäre Erziehung:

Die Autorität, die Erwachsene im Allgemeinen und Lehrer im Speziellen gegenüber Kindern haben, kommt ganz natürlich und einfach damit, dass sie erwachsen sind. Sie regeln die Dinge, die Erwachsene miteinander zu regeln haben, und die Kinder wachsen quasi von alleine in diese gemeinsame Welt hinein.

Diese Autorität zurückzuweisen, ist mindestens so fatal, wie sie mit Gehorsam zu verwechseln. Wer sagt, sein Handeln geschehe zum „Wohle des Kindes“, lädt tatsächlich die eigene Verantwortung auf den Kindern ab. Das ist bereits der Beginn des Missbrauchs.

29/05/16
Autorität:

Wird oft mit Gehorsam verwechselt, ist aber etwas ganz anderes. Autorität kommt ganz automatisch mit Verantwortung. Wer Verantwortung für die Welt übernimmt, dessen Wort wird gehört und ernst genommen, egal ob derjenige Mittel hat oder nicht, bei Nichtbeachtung seiner Worte, zu „strafen“.

29/05/16
Mut:

Etwas auszusprechen, das jeder sehen kann und niemand sehen will.

29/05/16
Zensur:

Hat viel mit Scham zu tun. Es muss einem gar nicht explizit verboten werden, frei zu sprechen. Es kann schon reichen, wenn einem die Aussenwelt signalisiert: Wer so spricht, hat keinen Platz unter uns.

27/05/16
Wolken:

Auf einer Wiese liegen & in den Himmel schauen… Was sich hier auftut, wenn der Blick sich in den Wolken versenkt, das ist sehr ähnlich mit dem, was einem vor einem Bild im Museum begegnen kann. Auf der Wiese liegt man, im Museum steht man, vielleicht ist das auch schon der einzige Unterschied.

21/05/16
Geschichte:

Ich stelle es mir wunderschön vor: Wir geben all unser gespeichertes Wissen in ein großes Archiv und vergraben den Schlüssel für, sagen wir, 100 Jahre. Alle Bücher, alle Festplatten und alle Bilder weg – Geschichte ist ab jetzt nur noch das, was wir uns gegenseitig jeden Tag neu erzählen. Und wir nehmen es uns zur Aufgabe: Jeden Tag muss jeder von uns irgendjemandem mindestens zwei Geschichten erzählen, eine überlieferte, die man selbst erzählt bekommen hat (oder gelesen, als es die Bücher noch gab) und eine von sich selbst, an die man sich erinnert. Am Ende der 100 Jahre öffnen wir das Archiv wieder und vergleichen.

20/05/16
Stadtschloss:

Ich bin mir sicher, 20 Jahre nach Eröffnung werden wir auf das Berliner Stadtschloss schauen wie heute auf das ICC: Ein Gebäude, dem wir sein Entstehungs-Jahrzehnt völlig offensichtlich ansehen, gerade weil es so aussehen will, als käme es aus einer anderen Zeit. Beim ICC in den 70ern war es die Zukunft, die man bauen wollte, heute beim Stadtschloss ist es die Vergangenheit.

17/05/16
Politik & Wirtschaft:

Natürlich ist meine Freiheit nichts wert, wenn ich einen hungrigen Magen habe. Aber daraus einen Primat der Notwendigkeit vor der Freiheit abzuleiten, scheint mir fatal. Tatsächlich ist es doch umgekehrt: Politik ist die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Wie wir alle miteinander umgehen. Und nur in den seltensten Fällen – wirklich: in den aller seltensten Fällen – ist es nicht die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, die dazu führt, wenn ein (kleiner oder großer) Teil von uns einen hungrigen Magen hat.

17/05/16
Wirtschaft & Politik:

Wer denkt, dass die Wirtschaft eine Wissenschaft sei, wer denkt, dass irgendetwas in der Wirtschaft objektive Notwendigkeit sei, wer denkt, dass Politik ein Instrument sei, das wirtschaftlich „Gebotene“ umzusetzen, der produziert Katastrophen. Denn wer so spricht, kennt sich selbst nicht. Wer so spricht, weiß nicht, dass es immer Alternativen gibt und dass es immer wir selbst sind, die Entscheidungen treffen.

17/05/16
Schäuble:

Gestern bin ich auf ein Video gestossen, in dem unser Finanzminister sagt, die USA würden nicht verstehen, was es hieße, eine Währungsunion zu haben. Deswegen hätte er zu Jack Lew gesagt, er würde ihm vorschlagen, Puerto Rico in die Eurozone aufzunehmen, wenn dafür die USA Griechenland in den Dollar-Währungsraum aufnähmen. Um dann zu schließen mit: „Er fand das einen Scherz.“ (Und der Moderator des Podiums muntert das (deutsche) Publikum noch auf: „Sie dürfen ruhig klatschen“)

Weiß dieser Mann eigentlich wer er ist? Das ist echte Kolonialherrensprache, wenn nicht etwas noch schlimmeres aus der deutschen Vergangenheit… Wissen wir Deutschen eigentlich, wer wir sind? Dass eine Mehrheit von uns diesem Mann und seinem bellendem Kommandoton zu vertrauen scheint, mit dem er über andere Partnerländer spricht, als seien sie zu verscherbelnde Konkursmasse? Und dann wundert sich die deutsche Öffentlichkeit, dass es keine Solidarität mehr in der EU gibt…

14/05/16
The people:

Wie gut hat es das das Englische, dass „das“ Volk dort im Plural bezeichnet wird. Das alleine schon verhindert so viele Missverständnisse, die uns im Deutschen gerne passieren.

14/05/16
Republik:

Die Staatsform, deren oberstes Prinzip die politische Gleichheit, d.h. die Freiheit, ist. Zweitwichtigstes Prinzip ist die Gewaltenteilung. Sie folgt logisch aus dem ersten Prinzip, denn durch die Gewaltenteilung wird sichergestellt, dass die Macht gleich verteilt ist. Diese Prinzipien haben erst einmal wenig mit Demokratie zu tun. Demokratisch wird die Republik erst mit dem Anspruch, das wirklich niemand ausgeschlossen sein soll von der Gruppe der politisch Gleichen.

14/05/16
Demoskopie:

Wenn man sagt, „aller Wille geht vom Volke aus“, dann produziert man eine ziemliche Willkürherrschaft. Klar, denn wie soll etwas so vielfältiges wie wir alle, einen klaren Willen haben?

Die Demoskopen sind dabei wie die Speichellecker dieses Königs Willkür, zu dem wir uns machen. Sie schauen „uns“ aufs Maul und versuchen vorherzusagen, was als nächstes rauskommen wird. Genau darin nehmen sie „uns“ nicht besonders ernst. Und irren sich auch noch zumeist.

14/05/16
Das Andere:

Alles, was wir nicht kennen. Und das ist ziemlich viel. Fast Alles.

Vor allen Dingen ist das Andere nur im Plural zu verstehen. Die Idee von dem Anderen – oft formuliert als Aufforderung, sich dafür „zu öffnen“ – trennt das Andere von uns und eliminiert es gerade dadurch. Aber das Andere ist nie von uns getrennt und uns gegenüber.

Wir sind mittendrin. Das Andere ist ein Meer, in dem wir schwimmen und aus dem gerade einmal unser Kopf hervorschaut.

12/05/16
Boden:

Es gibt etwas, worauf immer Verlass ist. Das ist ganz buchstäblich der Grund, auf dem wir ruhen. Und auf dem wir ruhen können. Wir können uns sinken lassen, bis wir mit all unserem Gewicht (Becken und Kopf) auf dem Boden zum liegen kommen und dann spüren wir, wie wir getragen werden. Das stürmische Treiben, das wir „Zeit“ nennen, hat Pause. Hier können wir liegen…

und liegen…

und irgendwann, nach ein paar Minuten oder einer langen, langen Zeit…

wir wissen es nicht…

kommt wieder diese ziehende Lust, langsam oder schnell, die uns wie von alleine hinauf holt, in die Vertikale, wo der Wind weht und zum Tanz auffordert.

12/05/16
Liebe:

Gestern lass ich auf einem T-Shirt: „Love is why we're here“. Interessant, dachte ich, aber irgendwas passt nicht. Bis ich drauf kam. Ich glaube es muss lauten: „Love is that we're here“.

11/05/16
Gesicht:

So wie die Fusssohlen uns mit dem Boden verbinden, verbindet unser Gesicht uns mit der Welt. Und so, wie alle Nerven des Körpers in den Fusssohlen ihr Pendant haben und dort massiert werden können, so gibt unser Gesicht ein Abbild all der Schattierungen unserer Seele.

10/05/16
Weinen:

Eine Bewegung in allen Tiefeinschichten unseres Körpers. Ausgehend vom Herzen bricht sich eine Regung Bahn in die Welt, eine Erschütterung, die über das Gesicht Mitteilung von sich macht. Man kann die selbe Regung auch über das Becken in den Boden geben, der Atem führt sie dahin. Dann bleibt sie der Welt verborgen, aber wird vom Boden getragen.

08/05/16
Tradition:

Was wir tragen müssen, hält uns. (für William Kentridge)

06/05/16
Freiheit & Gleichheit:

Als Freier unter Sklaven ist meine Freiheit auch nichts wert, denn wohin soll ich eine einzige freie Handlung richten, wenn alle anderen bloß tun, was sie tun müssen. D.h. ich bin immer nur so frei, wie die Menschen um mich herum frei sind. Deswegen sind Freiheit und Gleichheit mehr oder weniger identisch und ich verstehe nie, warum die beiden immer wieder gegeneinander ausgespielt werden. Es gibt eine Menge Ungleichheit in unserer Welt – und dagegen zu kämpfen, heißt für die Freiheit zu kämpfen.

06/05/16
Rationalität:

Das Gefühl für die Logik der Gefühle. Ratio heißt Verhältnis und rational zu sein heißt, sich in dem Verhältnis der eigenen, sich stets im Fluss befindenden Emotionen etwas auszukennen.

Diesen Fluss zu unterbrechen, in dem man die Emotionen „in den Griff“ bekommt, ich würde sagen, das ist nicht besonders rational.

06/05/16
Überwachung:

Alles das, was wir in der Politik als „Sicherheits-Fragen“ verhandeln, sind Wirtschaftsaufträge für den Militärisch-Industriellen-Komplex. „Schützen“ tut uns dieser dann vor Gefahren, die erst aus dem Chaos der Kriege entstanden sind, die dieser kontinuierlich vom Zaun bricht.

04/05/16
Träumen:

Im Herzen spazierengehen.

03/05/16
Komfortzone:

Meint eher den Bereich, in dem wir uns auszukennen meinen. Gerade komfortabel ist es dort oft nicht.

Meine Komfortzone ist definitiv der Kopf…

03/05/16
Schweigende Mehrheit:

Der beste Garant für den Status Quo. Natürlich sind diejenigen, die sich engagieren (d.h. ihre Stimme erheben), fast immer eine Minderheit. Die Freiheit zur politischen Selbstbestimmung fusst auf der Freiheit, sich nicht mit Politik beschäftigen zu müssen. Und diese passive Freiheit wird fast immer eine Mehrheit für sich in Anspruch nehmen. Nur kann man dann deren Votum zur notwendigen Legitimation aller wichtigen Entscheidungen machen? Das Problem ist komplex, aber eines ist sicher: So will am Ende keiner für irgendwas verantwortlich gewesen sein.

03/05/16
Volkssouveränintät:

Zwei Begriffe wie zwei Leichen, die zusammen einen Totentanz aufführen. Immer noch.

Vielleicht hatte der Tanz, als er im frühen 19. Jahrhundert aufkam, einen gewissen Swing und konnte die alten feudalen Strukturen in ihrer Ungelenkigkeit entblößen. Aber schon lange ist der Tanz zum makaberen Marsch verkommen: Leichen, die marschieren, Leichen, die sie zurücklassen…

03/05/16
Souveränität:

Auch so ein Begriff, der endlich mal ins Archiv der Ideengeschichte abgelegt gehörte. Souverän nannte sich der Monarch, dass er niemandem (auf Erden) Rechenschaft für sein Handeln schuldig sei. In säkularen Zeiten lässt sich der Begriff nur noch synonym verstehen mit: Willkür. Die Idee, man könne handeln, als sei man irgendwie diesem vielschichtigen Gewebe enthoben, das uns alle miteinander verbindet und das wir Welt nennen, führt zu Katastrophen. Wieder und wieder.

03/05/16
Zivilgesellschaft:

Mein Lieblingshassbegriff. Gerade weil hier die Kraft gemeint ist, die wir haben, wenn wir zusammen handeln – nur um diese dann im Begriff selbst schon wieder zurecht zu stutzen: Der Staat als stahlhartes Gehäuse zeichnet die Linien und wir alle dürfen dann mit Buntstiften ausmalen. Bzw. müssen es tun, damit diese Art von Staat nicht als das blutleere Monster dasteht, das er ist.

Und wenn wir einfach mal die Linien weglassen und uns an den Farben selbst erfreuen? Die Zeichnung, die dabei entstünde, wäre nicht nur sehr viel lebendiger, sondern hätte auch wirkliche Macht. Aber hier zeigt sich, was ‚zivil‘ in diesem Begriff eigentlich meint: Unser Staat fusst auf sehr unzivilisierten Methoden, die genau diese Freiheit nicht zulassen.

27/04/16
Ohnmacht:

Blinde Macht.

27/04/16
Macht:

Gemeinsames Handeln. Je bewusster wir uns der Gemeinsamkeit allen Handelns sind, umso mehr Macht haben wir. Wenn es scheint, als hätten Einzelne die Macht, dann heißt das nur, dass die Mehrheit von uns ihre Macht nicht mehr spüren kann oder will. Es entsteht dann so etwas wie blinde Macht. Das heißt, es ist dann immer noch ein gemeinsames Handeln, aber das Gemeinsame ist ein Chaos. Und das Chaos soll eben ein ‚starker Mann‘ bändigen, was immer nur scheinbar gelingt und am Ende mehr Chaos zurücklässt.

27/04/16
Räterepublik:

Ein Traum, scheinbar, aber doch etwas instinktiv logisches. Das Gemeinsame wächst von unten nach oben. Immer die, die direkt um uns sind, mit denen setzen wir uns zusammen und regeln, was wir zu regeln haben. Dann entsenden wir einen von uns, um mit anderen Entsendeten die Dinge zu regeln, die uns als größere Gruppe betreffen. Und so weiter… In einem Rätesystem entspringt alle Vertikalität einer Horizontalität und ist an diese rückgebunden.

27/04/16
Staat:

Wir haben uns angewöhnt, von uns weg zu zeigen, wenn wir von uns selbst sprechen. Wir sagen der Staat, aber das sind wir selbst.

27/04/16
Wir:

Letztlich ist bereits jeder einzelne von uns eine Vielheit. Eine Vielheit von unendlich vielen Körperteilen, Emotionen, Erinnerungen, Geschichten, usw. Die Tatsache, dass es jedem einzelnen von uns trotzdem gelingt, von seiner Vielheit als „Ich“ zu sprechen, zeigt, dass es auch uns allen zusammen gelingen könnte, sinnvoll „wir“ zu sagen. Man muss nicht erst ein Sitzungsprotokoll der Vereinten Nationen lesen, um zu sehen, wie weit wir davon noch entfernt sind.

27/04/16
Das Eigene:

In jedem von uns lebt etwas ganz Eigenes. Etwas, das ganz aus uns selbst kommt, ohne jede Abgrenzung nach Aussen. Es ist fast so etwas wie eine eigene Kreatur, die in uns ihr ganz eigenes Leben lebt. Wir sind eins mit ihr, wenn wir einfach nur unseren Impulsen folgen.

Die Augen im ruhigen aber wachen Zustand zu schließen, kann dafür eine Übung sein: Der Körper und der Geist fangen an, sich von ganz alleine an zu bewegen. Das ist das Eigene.

27/04/16
Grenzen:

Je fester ich eine Grenze definiere, desto fester halte ich an meinem Gegenüber fest.

26/04/16
Böse Taten:

Von Arendt habe ich den Gedanken, dass es kaum je ein böses Herz gibt, dafür aber Menschen, die ihr Herz nicht gut kennen. Man will es oft nicht wahrhaben – weil es ein Unglück obendrein noch sinnlos erscheinen lässt – aber die meisten bösen Taten entspringen nicht Boshaftigkeit sondern Achtlosigkeit.

26/04/16
Zentrum & Peripherie:

Zusammen mit den Füssen sind unsere Hände die Peripherie und das Becken das Zentrum. Als zehn Finger sind unsere Hände die Peripherie und der Kopf das Zentrum. Kopf und Becken müssen lernen, als zwei Zentren zusammenleben zu können. Das Herz kann dabei vermitteln.

26/04/16
Kopf:

Der Anführer der Gang. Er hat als einziger von allen Organen mit jedem aktuellen Moment auch ein Bewusstsein von den vergangenen und den kommenden Momenten. Und aus diesem Wissen darum, dass es so etwas wie Zeit gibt, entspringt ganz natürlich das Gefühl einer Verantwortung.

26/04/16
Hände:

Unser Zugriff auf die Welt. Der Reichtum der Welt entspringt der Virtuosität unserer Finger.

26/04/16
Herz:

Die Kraft zum Guten, die wir in uns tragen.

26/04/16
Bauch:

Die bäuerlicher Energie in uns. Alles was kommt, wird in gleichmütiger Frömmigkeit bearbeitet. Das Leben schwingt im Kreislauf der Natur; ab und an zieht ein Sturm übers Feld.

26/04/16
Becken:

Ich liebe das Gefühl von der Schale meines Beckens als einem tiefen schwarzen Brunnen, der unendlich weit an unser aller Anfang zurück reicht und aus dem das Neue zu uns kommt. Die Kinder zum Beispiel. Aber auch das, was Kant unser Vermögen zur Spontanität nennt.

26/04/16
Fusssohlen:

Das inverse Element zur Schädeldecke. Es wäre interessant zu schauen, ob wir auch auf dem Kopf gehen könnten. Rollen wäre das dann vielleicht. Und die Füße würden in die Welt schauen wie Gerstengrass.

25/04/16
Erwachsen-Werden:

Wahrscheinlich ist man nie erwachsen sondern wird es immerzu. Und die Volljährigkeit ist nur ein formaler Grenzstein dafür, dass man in diesem Werdensprozess irgendwann zumindest nicht mehr direkt auf die eigenen Eltern, d.h. auf andere Erwachsen-Werdende, angewiesen ist.

25/04/16
Erwachsen-Sein:

Die Fähigkeit, die tiefe Verbindung unseres Herzens mit der Welt zu pflegen, gerade indem wir wissen, wie wir unser Herz vor der Fülle der Welt schützen können.

25/04/16
Sicherheit:

So lange wir das Gefühl haben, das Band zwischen uns Menschen wird nicht reißen, so lange fühlen wir uns sicher. Leider wird gerade im Namen der Sicherheit sehr oft die Schere an dieses Band angelegt.

25/04/16
Urteilskraft:

Um einen Boden zu wissen, auf den man sich verlassen kann.

25/04/16
Luftmensch:

Wenn ich das richtig weiß, dann entstammt der Begriff dem jüdischen Intellektuellenmillieu, aus dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Zionismus entsprang. Mir geht der Begriff völlig unabhängig davon immer wieder durch den Kopf, für jene Form von Intellektuellen, die alleine schon durch ihre große Zahl kaum noch in einem realistischen Verhältnis zur Welt stehen. Im Grunde sind heute wir alle, die wir (mehr oder weniger akademisch ausgebildete) Mittelschicht sind, Luftmenschen.

25/04/16
Nietzsche:

Der Mann wusste einfach zu viel. Er hat gerade noch ganz die alte Bildung und das immense Wissen einer metaphysischen Weltordnung in sich aufgenommen. Er kann wirklich noch ins Detail spüren, was die Menschen vor der Aufklärung wussten. Aber, auch wenn er selbst noch nicht richtig diesem neuen, modernen Typus des Intellektuellen angehört, teilt er schon dessen Schicksal, keinen festen Ort unter den Mitmenschen mehr zu haben und irgendwie in der Luft zu hängen. D.h. ihm fehlt buchstäblich der Boden, sich in all seinem Wissen ein Urteil bilden, d.h. sich sicher fühlen zu können. Darüber musste er einfach wahnsinnig werden.

25/04/16
Kunst:

Künstler und Publikum sind verteilte Rollen im selben Spiel. Der Künstler tut etwas und ist sich dabei selbst sein erstes Publikum. Das Publikum sieht etwas, indem es selbst aktiv nachvollzieht, was es sieht. Durch diese Gleichzeitigkeit von zwei verschiedenen Tätigkeiten – machen und beobachten – entsteht ein Raum. Und alles, was in diesem Zwischenraum erscheint, ist Kunst.

25/04/16
Scham:

Kann so etwas wie ein Mantel sein, in den wir uns wohlig kuscheln können. Die Scham schafft uns einen Platz unter unseren Mitmenschen, indem sie uns die Grenze spüren lässt, in die wir gut hineinpassen. Aber manchmal im Leben müssen wir in unbekannte, dunkle Bereich vorstossen, von denen wir nicht wissen, ob auch dort ein Mantel für uns ist. Dann fühlen wir die Scham als Nacktheit.

25/04/16
Hedonismus:

Eine Form der Selbstversklavung. Wenn die Maximierung der Lust das oberste Lebensprinzip ist, dann müssen eine ganze Menge Gefühle ständig unterdrückt werden. Frei zu sein heißt nicht, immer bei guter Laune zu sein.

25/04/16
Denken:

Ein Prozess, der immer offen bleibt in dem Sinne, dass er nie an ein Ende kommt. Wie ja auch das Leben selbst nie an ein Ende kommt, sondern nur irgendwann aufhört, wenn die physischen Lebensfunktionen an ein Ende kommen.

25/04/16
Unlust:

Natürlicher Impuls des Herzens, sich zurück zu ziehen. Zurückziehen im Sinne von: eine Pause machen.

25/04/16
Lust:

Lebendigkeit des Herzens. Im Sinne von: das Herz nimmt Kontakt auf mit der Welt.

25/04/16
Lust & Unlust:

Das freie Wechselspiel von Lust und Unlust ist eigentlich alles was wir brauchen, um durch die Welt zu kommen. Mehr noch: wenn wir alle einfach nur dem freien Wechselspiel von Lust und Unlust folgten, dann würde sich alles in der Welt ziemlich natürlich finden und die Welt wäre in einer sehr lebendigen Art und Weise ein friedlicher Ort.

23/04/16
Boheme:

Der Austritt aus dem Mahlstrom der Gesellschaft bringt Freiheit. Aber im Stadium der Boheme ist es eine dünne Freiheit. Niemand wartet mehr auf etwas von Dir, alles muss von Dir selbst kommen. Während doch die Regeln der Gesellschaft weiter in Deinem Herzen nachschwingen. Die Melancholie der Boheme speist sich aus der Angst, es könnte für immer bei dem Gefühl bleiben: Alles ist vergeblich.

23/04/16
Kummer:

Kommt mit der Hoffnung und ist gewissermaßen ihr Gegenstück. Weil die Hoffnung sich so schön anfühlen kann, sucht sie sich auch gerne Gegenstände, die gar nicht eintreten können. Wenn wir dann dieser Überschussenergie der Hoffnung gewahr werden, das ist der Kummer.

22/04/16
Zufall:

Natürlich kann man den Zufall nicht wollen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Man will den Nicht-Zufall.

21/04/16
Prenzlauer Berg:

Das Problem von homogenen Gesellschaften ist ja erst in zweiter Linie, dass sie nicht gut mit Fremden umgehen können. Zuerst sind die Menschen – und das sieht man oft schon in der Körpersprache – sich selbst fremd.

20/04/16
Europa:

Ein altes Haus, mit unendlich vielen Räumen, Hallen und Fluren. Es ist sehr schön darin, man kann sich ewig in den unendlichen Gängen treiben lassen. Aber man muss aufpassen: Manche Räume haben keinen Boden mehr. Wer sie betritt, fällt in einen Abgrund und kommt kaum wieder hinaus. Auch deshalb sind viele Bewohner träge und verlassen selten ihre jeweiligen Kammern. Fast keiner aber kennt gar einen Weg aus dem Haus hinaus; fast keiner weiß, wie es von Aussen aussieht. Ist es ein stolzer Palast oder doch eher eine kümmerliche, unendlich verwinkelte Hütte? Und was passiert eigentlich draussen, in der Welt?

19/04/16
Hoffnung:

Vertrauen im Konjunktiv.

19/04/16
Vertrauen:

Eine Kraft, die wir in uns tragen. Die Kraft, annehmen zu können, dass – obwohl immer alles ungewiss ist – alles gut werden wird.

19/04/16
Seele:

Vertrauen in die Welt.

19/04/16
Gewalt:

Noch lange bevor Gewalt so brutal wird, dass sie Menschenleben zerstört, zerstört sie das Vertrauen der Menschen ineinander und damit das Vertrauen in die Welt. Bei Opfern wie bei Tätern. Deswegen ist Gewalt so machtlos, denn Macht liegt in der Welt, wo Gewalt herrscht, da gibt es keine Welt mehr.

19/04/16
Handeln:

Handeln ist Sprechen. Am Ende des Tages ist fast alles, was die Welt verändert, darin begründet, dass Menschen miteinander sprechen. Gewalt kann nur dann von selbst Fakten schaffen, wenn alle wegschauen, wenn also niemand darüber spricht. Oder wenn niemand widerspricht bei den schadenfeinigen Erklärungen derer, die für die Gewalt verantwortlich sind.

19/04/16
Descartes:

Ich glaube, fast die gesamte moderne Philosophie, insofern sie mit Descartes das Subjekt als Ursprung der Welt setzt, trägt einen Schmerz in sich. Den Schmerz, sich nicht mitteilen zu können. Alles um einen herum wird so irreal oder – in Descartes Worten – man kann den Erscheinungen nicht mehr trauen.

19/04/16
Schmerz:

Das schmerzhafte am Schmerz ist, dass er sprachlos macht. Er entzieht uns dem gemeinsamem Raum der Mitmenschen und drückt uns in einen Innenraum, von dessen erdrückender Intensität wir kaum je Mitteilung werden geben können.

19/04/16
Sprache:

Mit den Anderen verbunden sein.

18/04/16
Verstehen:

Einen Raum öffnen, in dem Gemeinsames existieren kann.

18/04/16
Hannah Arendt:

Meine Mutter. Im Klang ihres Denkens bin ich erwachsen geworden, emotional wie intellektuell.

17/04/16
Utopie:

Man will etwas, dass es nicht gibt. Das muss man sich mal vorstellen. Das ist nicht nur dem Inhalt sondern auch der Form nach utopisch. Der Wille – wenn der Begriff selbst nicht auch schon eine Utopie ist – kann doch nur verstanden werden als sinnliche Reaktion auf etwas, das es gibt. Wenn das Kind ein Eis will, weiß das Kind sehr genau, was ein Eis ist.

17/04/16
Orient & Okzident:

Herodot erzählt uns von den „großen und bewundernswerten Taten, teils von Griechen, teils von Barbaren erbracht“. Das muss man sich mal klarmachen: Der Text, der als Anfang der abendländischen Geschichtsschreibung gilt, sagt im ersten Absatz, dass er eine gemeinsame Geschichte von Abendland und Morgenland erzählt.

16/04/16
Status Quo:

Man will die Katastrophe. Solange man sie wenigstens schon kennt.

16/04/16
Mediendemokratie:

Das Volk wird zum Publikum, die Politiker müssen es bespaßen, die Journalisten vergeben Haltungsnoten. Negative Emotionen erzeugen sehr viel größere Effekte als positive. Die stärkste Emotion ist Verachtung – in ihr fühlen sich alle miteinander verbunden.

16/04/16
Repräsentative Demokratie:

Ich bin jedes mal erfreut, wenn ich spüre, wie wir – also wir alle – Macht haben: Wenn wir uns alle vier Jahre in der ganzen Republik versammeln und uns damit zeigen, dass uns an uns liegt. Ich bin jedes mal wieder enttäuscht, wenn ich dann sofort spüre, wie leer dieses Gefühl bleibt. Bei der Wahl geben wir unsere Stimme ab, das ist wörtlich zu verstehen.

16/04/16
Denken:

Sich mit der Realität beschäftigen.

16/04/16
Demokratie:

Wie das Volk herrschen soll, als sei es ein einheitliches Subjekt, habe ich noch nie verstanden. Demokratie scheint mir heute einer der bequemsten Begriffe geworden zu sein, um sich einfach zurücklehnen zu können und sich nicht weiter mit der Realität beschäftigen zu brauchen.

16/04/16
Politik:

Wie wir miteinander umgehen. Miteinander verbunden und aufeinander angewiesen sind wir sowieso alle. Politik ist, wie wir das thematisieren und uns bewusst machen. Und welche Regeln wir uns dafür geben.

15/04/16
Böhmermann:

Merkel wird dieser Clown gerade Recht gekommen sein. Ein hübscher kleiner Skandal bei dem sich die Öffentlichkeit schön über einen sehr komischen Paragraphen aufregen kann, ohne noch dahin schauen zu müssen, wo doch der eigentliche Skandal liegt: Dass „wir“ sehr schmutzige Deals mit diesem Diktator machen. Aber darüber sich aufzuregen könnte ja echte Konsequenzen haben. Und so verstärkt sich noch genau das, was der Deal mit seinen vielen Milliarden ja gerade bezwecken soll: Das Thema Flüchtlinge aus der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen. Man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln… will man nicht sehen.

15/04/16
Atombombe:

Ich glaube, wir haben inzwischen vergessen, wie fundamental diese Waffe alles verändert hat. Konflikte einfach mal eskalieren zu lassen und zu schauen wie weit man damit kommt, gibt es in der Weltpolitik seitdem nicht mehr. Das klingt erst mal nicht schlecht, nur ist die Welt damit keineswegs friedlicher geworden. Stattdessen brennen seitdem überall schmutzige Stellvertreterkriege, die oft kaum zu lösen sind, weil ja die großen Konflikte dahinter nicht mehr offen geführt werden können.

15/04/16
Kalter Krieg:

Ich finde es zynisch, wenn immer gesagt wird, damals sei die Welt übersichtlich gewesen. Klar, aber in welcher Weise: Dass zwei Schutzgelderpresser sie unter sich aufgeteilt haben. „Ich schütze Dich davor, dass Dich nicht der andere vor mir schützt. Also tue was ich sage…“ Und das war nur durch das Gewaltszenario der Atombombe möglich, von dem doch nie ganz sicher war, dass es nicht doch einmal eintritt, dass nicht doch irgendwann mal einer das Spiel überreizt.

14/04/16
Familie:

Die Nicht-Anderen.

14/04/16
Emotionen:

Das Gewebe, in dem wir existieren. Das Gewebe, das uns durchzieht und miteinander verbindet.

14/04/16
Gott:

Eine Möglichkeit. Eine Möglichkeit, die Totalität aller Dinge zu ordnen, wenn man nicht annehmen will, dass alle Dinge horizontal zueinander existieren.

So gesehen liegt etwas kindliches in dieser Möglichkeit, denn die Kinder erfahren die Welt ja eben als nicht nur horizontal. Für sie gibt es auch noch die Erwachsenen, die ihnen mehr Überblick voraus haben. Als Erwachsener kann man in dieser Haltung bleiben, aber man muss es nicht.

14/04/16
Hoffnung:

Etwas Schönes, wie ein Licht im Herzen. Aber man muss zart damit umgehen: als Prinzip, das heißt als etwas, dass einen durch die reale Welt tragen soll, verkommt es. Wie eine Pflanze, deren Blüte nur in einer schattigen Mulde blüht.

14/04/16
Liebe:

Ein Prinzip. Das Prinzip, das alles durchwebt. So lange unser Herz schlägt, so lange tragen wir Liebe in uns (egal wie sehr wir uns vielleicht auch angelernt haben, davon selbst keine Notiz zu nehmen).

14/04/16
Realität:

Was zwischen den Menschen existiert.

14/04/16
Sprache:

Auf etwas deuten, das zwischen den Menschen existiert.

14/04/16
Paria:

Wir alle. In der modernen Welt. Oder sagen wir: fast alle. Ich will es einfach nicht glauben, irgendwo im ländlichen Raum muss es doch noch echte, also auch materielle Verwurzlung geben. Vielleicht…wahrscheinlich nicht, also doch: wir alle. Es gibt keine selbstverständliche Zugehörigkeit mehr einfach nur über den Boden auf dem wir leben, einfach nur durch die Gruppe, in deren Mitte wir geboren werden. Wir sind alle verstreute Menschen (geworden) und binden uns politisch auf sehr komische, aber doch reale Art und Weise, auf jeden Fall so, dass alles immer sehr kompliziert und konflikthaft bleibt.

14/04/16
Dekonstruktivismus:

Narrative und Begriffe zu dekonstruieren, wie soll das gehen? Dekonstruktion setzt ja irgendwas voraus, was man auseinander nehmen und dann neu zusammensetzen könnte. Aber die allermeisten Konzepte, die es zu dekonstruieren gälte (z.B. ‚Nationalstaat‘), zeichnen sich doch gerade durch ihre Gedankenlosigkeit aus. Da ist doch gar nichts zum auseinander nehmen.

14/04/16
Europa der Nationalstaaten:

Ein Kindergarten in dem alle am schreien sind aus Angst, selber zu kurz zu kommen. (Vorgestern Alfred Grosser auf dem Podium: „Die Polen werden niemals ihre Kohle aufgeben…“) Ich glaube das Konzept Nationalstaat hindert uns daran, politisch erwachsen zu werden.